Der Weg aus der Diskriminierungsfalle „Adultismus“

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Unsere Kinder wachsen in einer von Adultismus geprägten Gesellschaft auf. Über die daraus resultierende Herausforderung für uns alle soll es in diesem Beitrag gehen. 

Denn das Trügerische an der gegenwärtigen Situation ist, dass, wer nicht genau hinsieht, dem Anschein verfallen könnte, dass unsere Welt kinderfreundlich wäre. Das wiederum ist nicht nur eine Herausforderung, sondern birgt eine echte Gefahr.

Zum Einstieg möchte ich den Begriff Adultismus für all jene definieren, die noch nichts damit anzufangen wissen:

Adultismus beschreibt die Diskriminierung eines Menschen aufgrund seines Alters. 

Wie alle -ismen (Rassismus, Sexismus, Ableismus etc.) funktioniert auch Adultismus nach dem Prinzip, dass sich die Betroffenen mit einer Herabwürdigung ihres sozialen Status konfrontiert sehen. Die an ihnen verübte Gewalt wird durch eben diese Objektivierung und Herabsetzung legitimiert.
Als besonders problematisch bei Adultismus sehe ich, dass Kinder die an ihnen verübte Diskriminierung als „normal“ erlernen, weil sie damit aufwachsen und sich folglich daran orientieren. Das wiederum schützt sie nicht vor den damit einhergehenden Konsequenzen, sondern macht sie leider häufig im Erwachsenenalter wiederum zu Mittätern und Trägern dieser Form von struktureller Gewalt. 

Konkrete Beispiele für Adultismus sind das Nicht-ernst-nehmen von Kindern, das Gehorsam-einfordern sowie selbstverständlich alle Formen von körperlicher und psychischer (inklusive manipulativer) Gewalt. 

Die Kontrollfrage in Situationen von potentiellem Adultismus ist folglich immer:
Wäre dieses Verhalten gegenüber einem Erwachsenen in Ordnung?
Lautet die Antwort „nein“ oder „eher nicht“ haben wir es mit Adultismus zu tun. 

Wenn wir uns diesen Umstand vor Augen führen, wird uns das Ausmass des vorherrschenden Adultismus in unserer Gesellschaft allmählich deutlich. Denn von der moralischen Wertung dieser damit verbundenen Perspektive auf Kinder abgesehen, sehen wir uns damit konfrontiert, dass das Bewusstsein hierfür in der breiten Masse längst noch nicht angekommen ist. 

Das ist schon allein deshalb irritierend, als dass in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinigten Nationen, auf der unsere gesellschaftlichen Werte basieren (sollten), keine Altersbegrenzung festgesetzt wurde.
Da steht wortwörtlich: 

„Art. 2: Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“ (Quelle: https://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf

Trotzdem handeln Eltern, Institutionen und staatliche Gewalten jeden Tag entgegen dieser Resolution, auf die wir uns global umspannend geeinigt hatten. Wie kann das sein? 

Elternschaft bringt auch deshalb so viel Verantwortung mit sich, weil sie mit einem unvergleichlich grossen Machtgefälle verknüpft ist.

Eltern haben die Macht

Es gibt in der Soziologie kein vergleichbares Machtgefälle, wie das zwischen Erziehungsberechtigten und Kindern. Eltern haben grad zu Beginn eine nahezu uneingeschränkte Macht über ihr Kind. Selbst in Gefängnissen, wo man vermuten würde, dass eine ähnliche Abhängigkeit und Verteilung von Macht vorherrscht, besteht im Vergleich zur Situation der Elternschaft ein essentieller Unterschied in Form der Ich-Emanzipation: 

Gefangene sind in der Lage, sich und ihre Gedanken getrennt von der Obrigkeit wahrzunehmen, während bei Kindern festgestellt wurde, dass sie dazu tendieren, ihre Gedankengänge denen der Eltern anzupassen und sich selbst als falsch wahrzunehmen. 

Die Macht zu haben, ist aber per se nichts Schlechtes. Ich sehe in der Bewegung der friedvollen Elternschaft immer bisweilen auch die Gefahr, dass Macht an die Kinder abgetreten wird, weil Eltern fälschlicherweise Macht mit Gewalt und Gewalt mit Böse verstanden haben. So sind wir unvermittelt und vermutlich auch ungewollt in der „Laisser faire“ Thematik drin, die unbestritten eine Form der Kindesmisshandlung ist. 

Wie können wir also als Eltern unsere Macht und die damit einhergehende Verantwortung wahr- und übernehmen, ohne adultistisch und gewaltvoll zu sein? 

Die Antwort klingt im ersten Moment unbefriedigend: Wir können das gar nicht. 

Wir selbst sind nämlich fast alle ausnahmslos Opfer von Adultismus und viele von uns sind gar Betroffene mehrerer -ismen. 

Was wir aber tun können, ist unser Bewusstsein hierfür schärfen. Wir können uns auf den, durchaus unangenehmen und schmerzlichen, Weg machen unsere persönlichen Blindspots in Bezug auf Diskriminierung von Kindern aufzudecken. Stützend dabei ist, wenn wir unser tägliches Handeln und Denken gegenüber unseren Kindern mit den folgenden Leitplanken abgleichen:

  1. Hätte ich so auch mit meiner/meinem PartnerIn gesprochen? 
  2. Wenn jemand meine Handlung gegenüber meinem Kind beobachtet hätte, hätte der/die das als Gewalt eingestuft? Hätte der/die das als Gewalt eingestuft, wenn die Handlung gegenüber einer erwachsenen Person stattgefunden hätte? 
  3. Was war die Reaktion des Kindes (und diese ernst nehmen!)? 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir feststellen, wie adultistisch unser Verhalten gegenüber den eigenen Kindern und Kindern generell ist. Diesen Umstand zu erkennen, ist unangenehm und zeitgleich unheimlich wertvoll. Denn nur wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wenn wir unser Missverhalten nicht klein reden, geben wir uns und unseren Kindern die Chance auf echte Veränderung. 

Die Mär der „kleinen Tyrannen“ und was wir stattdessen tun können.

Es bringt niemandem etwas, wenn wir ausser Acht lassen, dass die Entwicklung des Kindes über die Jahre einen Einfluss darauf hat, welches Ausmass zur Mitbestimmung des Familienalltags im weitesten Sinne das Kind leisten kann. Ein Baby aufzufordern, sich an der Diskussion zu beteiligen, ob heute Nachmittag ins Schwimmbad gegangen wird oder nicht, macht wenig Sinn. 

Das bedeutet aber nicht, dass die Bedürfnisse des Babys deshalb ausser Acht gelassen werden dürfen. Stattdessen ist es an den Eltern die Stimme für das Baby mit zu erheben und so nach bestem Wissen und Gewissen für es mit zu entscheiden. 

Anders sieht es aber beim zum Beispiel achtjährigen Kind aus, dass bestens für sich und seine Bedürfnisse sprechen kann, wenn es darum geht, ob es diesen Ausflug machen möchte. Diese Meinung dann auch ernst zu nehmen, insbesondere wenn sie im Konflikt zu andern Meinung innerhalb der Familie steht, ist die Herausforderung, der in vielen Familien noch viel zu häufig mit Beschämen und Zwang begegnet wird („Immer musst Du bocken“, „Du kommst jetzt mit. Basta.“). 

Die Angst der Eltern vor „kleinen Tyrannen“ wird noch immer aktiv geschürt und führt dazu, dass Kinder in genau solchen Situationen lernen: 

  1. Ich bin nicht wichtig. 
  2. Es ist egal wie es mir geht.
  3. Es lohnt sich nicht, sich für mich und meine Bedürfnisse einzusetzen. 
  4. Ich bin falsch. 
Kinder lernen fürs Leben, wenn ihre Familien ihr Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung respektieren.

Was wäre eine Alternative zu Zwang und Beschämen? 

Gemeinsam zu „unden“. „Unden“ ist eine wunderbare Konfliktlösungsstrategie aus der Unerzogen-Bewegung und bedeutet, dass man als Familie in der Situation schaut, wer welche Bedürfnisse hat. Wenn Kind 1 ins Schwimmbad möchte, Kind 2 möchte aber lieber Fussball spielen und Elternteil 1 möchte gerne lesen, dann lässt sich daraus herauskristallisieren, dass beide Kinder das Bedürfnis nach Bewegung (davon das eine idealerweise mit Wasser) haben, während das Elternteil eine Auszeit wünscht. Von diesen essentiellen Wünschen ausgehend, steht automatisch eine deutlich grössere Beschäftigungsvielfalt zur Auswahl. Kind 1 kann findet es vielleicht auch toll mit dem Gartenschlauch oder in einem Brunnen herumzuspritzen, während Kind 2 sich auch mit dem Spielplatz arrangieren könnte? Das Elternteil wiederum kann seine Auszeit ortsunabhängig einfordern, je nachdem wie alt die Kinder schon sind. 

Warum ist das wichtig und weshalb glaube ich, dass „Unden“ ein viel kleinerer Aufwand ist, als mit Gewalt vorzugehen? 

Dieses „Unden“ schafft da Verbindung, wo Gewalt Verbundenheit kappt. Kinder und Erwachsene können ihre Wünsche und Bedürfnisse offen formulieren und verinnerlichen so, diese wahrzunehmen. Das mag banal klingen, aber meine Arbeit mit Eltern, insbesondere Müttern* zeigt, dass genau dieses Wahrnehmen den allermeisten in frühester Kindheit aberzogen wurde. Es ist aber Voraussetzung für ein ausgeglichenes und erfülltes Sein. Es ist nicht in Ordnung Kinder auf Sprachlosigkeit zu sozialisieren. 

„Unden“ schafft den Familienkonsens von Respekt und Empathie. Wenn jeder weiss, dass er ernst genommen wird in seinem Denken und seinen Wünschen, ist die Hürde sich auf den andern wirklich einzulassen um ein Vielfaches geringer. Wer sich verstanden und gesehen fühlt, versucht auch andere zu verstehen.
Um diesen so wichtigen Fakt zu verdeutlichen, möchte ich Dich bitten Dir vorzustellen, wie Du in Situationen empfindest, in denen Du wiederholt das Gefühl hast, übergangen zu werden? Was macht das mit Dir? Welchen Einfluss hat das darauf, wie respektvoll Du mit den Wünschen anderer umgehst? 

„Unden“ muss etabliert werden. Wenn Kinder jahrelang erfahren haben, dass ihre Meinung und sie als Ganzes weniger oder nicht zählen, dann kann nicht erwartet werden, dass sie sich sofort auf das Konzept des „Undens“ einlassen. Das ist mehr als verständlich. Es geht also darum, Kindern immer wieder behut- und einfühlsam zu signalisieren: Du bist wichtig und Deine Bedürfnisse sind für mich wichtig. Lass uns schauen, dass wir eine Lösung für diese Situation finden, die für alle zumindest einigermassen passt. 

Die Nachhaltigkeit liegt im Schritt-für-Schritt-Denken

Wie bei allen -ismen, haben wir auch bei Adultismus die Herausforderung der Internalisierung. Heisst, wir merken häufig gar nicht, dass wir adultistisch sind. 

Es bringt also nichts, wenn wir uns selbst sagen: So, ab heute mache ich alles anders. 

„Unden“ kann ein wunderbarer Einstieg sein, das Denken und Handeln unseren Kindern gegenüber weniger diskriminierend und gewaltvoll zu gestalten. 

Wichtig ist aber einmal mehr sich gegenüber vollkommene Ehrlichkeit walten zu lassen, um selbst zu verstehen, wo eins grad steht. Denn nur von da aus, lässt sich ein Weg aus dem adultistischen Verhalten heraus gestalten. 

Dieser ist mitunter schmerzvoll, auch weil viele Erinnerungen an die eigenen Diskriminierungserfahrungen wach werden. Es ist auch nicht angenehm festzustellen, dass man selbst Mittäter und damit gewaltvoll seinen Kindern gegenüber ist. Aber gerade deshalb ist es essentiell wichtig sich dieser Tatsache zu stellen. Damit es unseren Kindern besser geht, damit unsere eigenen Wunden heilen können und damit wir einen Beitrag dazu leisten, dass Adultismus in unserer Welt nicht weiterhin ungebremst Schaden anrichtet. 

Was sind Deine Erfahrungen mit Adultismus? Schreib mir gerne Deine Erfahrungen in die Kommentare.

*Umfasst alle Weiblich Gelesenen Personen.

2 Kommentare zu „Der Weg aus der Diskriminierungsfalle „Adultismus“

  1. Ich habe eher eine andere Frage.
    Ich arbeite in einer Mutter Kind Wohngruppe . Dort gibt es immer wieder sehr heftige Auseinandersetzungen wenn es um die direkte Arbeit mit den Müttern oder auch den Kindern geht. Verschiedene erzieherische Haltungen und Verhaltensweisen der Kolleginnen bringen sehr große und häufige für meine Vorstellung überflüssige Konfliktsituationen zwischen den Klienten und den Betreuern selbst und innerhalb des Teams.
    Ich möchte gerne einen Themenabend zu „adultismus“ mit den Kolleginnen durchführen und könnte etwas Inspiration gebrauchen. Im Aufbau oder welche Methoden sich eignen würden um einfach die Kolleginnen über eigenen erlebten und durchgeführten adultismus ins Gespräch miteinander zu bringen?
    Ich wäre sehr dankbar Anregungen zu bekommen. 😌

    Liebe Grüße und toller Artikel.

    Luisa

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    1. Liebe Luisa

      Danke für Deine Frage und Deine Initiative einen Themenabend zu Adultismus durchzuführen.

      Meine Erfahrung zeigt, dass das (Wieder-) Erleben am eigenen Leib am Eindrücklichsten ist, um zu verstehen, was Adultismus mit jungen Menschen macht.
      Ihr könntet also im Vorfeld Aussagen gegenüber den Kindern aus dem Alltag sammeln, die während eurer Arbeit fallen, und diese dann in Rollenspielen im Team durchspielen. Die Ohnmacht, welche Adultismus über die Betroffenen bringt, kann so am Ehesten wieder erlebt werden.
      Im Anschluss würde ich empfehlen einen theoretischen Teil einzubauen, in welchem erklärt wird, weshalb Adultismus nachhaltig schädlich ist. Die Abgrenzung zum missbräuchlichen „Laisser-faire“ Stil ist zudem ratsam, weil diese Angst bei adultistisch handelnden Erwachsenen häufig gross ist.

      Hilft Dir das weiter?

      Viele Grüsse
      Jasmine

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