Sprachlose Wut – die toxischen Werte der weiblichen Sozialisation

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„Na ja, es ist halt ein Junge“ und „Mädchen sind einfach so“: Unbedacht ausgesprochene Sätze; tausendfach gehört. Während wir im Mainstream versuchen zu tun, als ob Mädchen heute frei wären – genau so frei wie Jungen – sitzt der internalisierte Sexismus in unseren Köpfen tief. Denn wir glauben nach wie vor, dass es tatsächlich Zuschreibungen gibt, die dem jeweiligen Geschlecht anhängen. Wir halten damit eine Struktur hoch, die von Sexismus und Gewalt geprägt ist und das, ohne es zu merken. 

Internalisierter Sexismus ist die Form des Sexismus, die wir selbst so verinnerlicht haben, dass wir meist nicht erkennen, wenn wir sie selbst ausüben. Sie findet überall dort statt, wo wir in Geschlechtern, statt in Menschen denken. Wo wir objektivieren, in dem wir die Handlung eines jungen Menschen daran beurteilen, ob sie dem Rollenbild, der Erwartung, die wir an diesen Menschen aufgrund seines Geschlechts haben, gerecht wird. 

Die Erkenntnis darüber traf mich hart und ich musste lange darüber nachdenken. Denn wer will schon in den Spiegel sehen und sich eingestehen müssen, dass auch er sexistisch denkt? Dass er einen Beitrag dazu leistet, dass Mädchen auch heute noch in einer höchst ungesunden Weise sozialisiert werden und dass Jungen lernen, dass diese Sozialisierung, dieses Rollenbild von Mädchen und späteren Frauen, richtig ist? Dass Mädchen und Frauen so zu sein haben. 

Das Bild vom wütenden Mädchen

Wut ist in vielen Köpfen mit „männlich“ verknüpft und das ist ein grosses Problem. 2011 veröffentlichte Dr. Kerry Johnson, Dozentin für Kommunikationswissenschaften und Psychologie an der University of California, Los Angeles, eine Studie wie Emotionen in Kombination mit Geschlechtern wahrgenommen werden. „Wenn Männer offensichtlich wütend sind, ist das in Ordnung und wird sogar erwartet“, schrieb sie. „Aber wenn Frauen negative Gefühle haben, sollen sie ihre Unzufriedenheit durch Traurigkeit ausdrücken.“ 

Diese Studie ist deshalb richtungsweisend, weil sie den Kern eines immensen Problems auf den Punkt bringt:

Wir nehmen unseren Töchtern ihre individuelle Macht, ihre Handlungsfreiheit ihre Integrität aufzubauen, zu festigen und zu verteidigen, in dem wir ihnen das dafür entscheidende Gefühl absprechen: Ihre Wut.

Werden Mädchen wütend, werden sie meist nicht ernst genommen. Statt dessen sehen sie sich mit Beleidigungen, Hohn und Spott konfrontiert, die sich in tief verletzenden Reaktionen wie „Es sind die Hormone“, „Du bist so zickig“, „Lächel doch mal, das sieht viel hübscher aus.“ äussern. Solche Aussagen, die im Übrigen in der Psychologie den Manipulationstechniken zugeordnet werden, werden nie gegenüber Jungen geäussert. Und genau das ist der Beleg für den vorherrschenden Sexismus.

Kinder sind hochsoziale Wesen; sie verstehen sehr schnell, dass die Wut von Jungen und Männern zu Hause die Gender-Erwartungen untemauert und dass dies bei Mädchen und Frauen nicht erwünscht ist. Wut bei Mädchen ist direkt mit „unweiblich“, „unattraktiv“ und „egoistisch“ verknüpft. Denn Wut fordert im Gegensatz zur Trauer etwas ein! Wut ist das Gefühl, welches Veränderung erwirken will. Wut impliziert den Anspruch auf Macht etwas anders und den eigenen Wünschen entsprechend zu gestalten. Trauer findet per se anspruchslos und vielfach in Zusammenhang mit einer Bedürftigkeit statt. 

Weiblichkeit – und das zeigt unser nach wie vor über die Massen antiquiertes und toxisches Mutterbild in aller Deutlichkeit – definiert sich in unserer Gesellschaft über Selbstlosigkeit in Form von sich zurück nehmen, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen sowie Schutzbedürftigkeit. Indem wir als Mütter dieses Bild bedienen, uns diesen Erwartungen an uns fügen, in der Hoffnung so eine gute Mutter zu sein, lehren wir unseren Kindern genau die gleichen, destruktiven Werte. 

Soraya Chemaly bezieht sich in ihrem Buch „Speak out“ auf weltweite Studien, die zeigen, dass bereits Mädchen im Alter von 10 Jahren der Überzeugung sind, tatsächlich schwach, verletzlich und nicht so mutig zu sein wie Jungen und „beschützt“ werden zu müssen. 

Mädchen verlieren ihre Sprache

Wenn Mädchen lernen, dass ihre Wut nicht erwünscht ist, passen sie sich an. Das ist ein menschlich-soziales Verhalten, um nicht aus der Gruppe ausgestossen zu werden und hat nichts damit zu tun, dass sie eben Mädchen sind. 

Mit dieser an äussere Erwartungen angepasste Veränderung geht einher, dass sie anfangen sich selbst nicht mehr zu glauben. Sie verinnerlichen, dass ihre Wut und ihre darunter liegenden Wünsche und Bedürfnisse nicht relevant sind. Sie lernen, sich nicht für sich einzusetzen. Sie verbiegen sich, um den Zuschreibungen zu entsprechen, die wir an sie aufgrund ihres Geschlechts richten.

Diesem Verbiegen liegt eine fundamentale Verunsicherung zu Grunde, nicht richtig zu sein, den eigenen Gefühlen und Gedanken nicht trauen zu können. Für diese Verunsicherung tragen wir Erwachsenen die Verantwortung. Sie breitet sich auf alle Bereiche aus und nimmt den Mädchen die Fähigkeit sich auszudrücken. Denn wer repetitiv die Erfahrung macht, nicht gehört, ignoriert und beschämt zu werden in seinem Versuch, Worte für das zu finden, was ihn bewegt, der wird neue, nonverbale Wege ausprobieren, sich auszudrücken. 

Wir müssen Frauen ihre Stimme zurück geben und Mädchen darin bestärken sie für sich zu nutzen.

Jemandem Wut abzusprechen, führt nicht dazu, dass sie deshalb „weg“ ist.

Ich habe neulich den Satz gelesen: „Wut ist wie Wasser. Sie bricht sich immer Bahn und in der Regel dort, wo sie auf den geringsten Widerstand trifft.“ Wenn wir Mädchen abtrainieren ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, wenn wir ihnen die Worte für Ihre Gefühle und Gedanken entwenden, hat das massive Konsequenzen. Denn Wut als eines unserer Grundgefühle bleibt bestehen in unserem menschlichen Dasein, egal ob erwünscht oder nicht. 

Was passiert also mit all der negierten Wut in den Körpern von rund der Hälfte unserer Gesellschaft? Verdammt zu einem Schattendasein greift sie zu destruktiven Wegen, in ihrem Versuch doch noch gesehen zu werden. Weil Mädchen sich nicht offen wütend zeigen dürfen, lassen sie ihre Wut in Intrigen, in Geläster und in verdeckte Zerstörung fliessen. Letztere ist nicht selten gegen sie selbst gerichtet in Form von Essstörungen, Selbstverletzungen (Ritzen) und Depressionen. Diese als direkte Konsequenzen der Gender-Sozialisation anzuerkennen, statt sie dem Geschlecht zuzuordnen, ist fundamental wichtig, um die effektiven Mechanismen des strukturellen Sexismus in unserer Gesellschaft zu verstehen.

Mädchen lernen unachtsam sich selbst gegenüber zu sein und Jungen lernen, dass Mädchen unachtsam sich selbst gegenüber sind. Jungen lernen, dass Mädchen ihre Grenzen nicht wahren, meist sogar gar nicht kennen, und verhalten sich entsprechend. Sie füllen das Vakuum, welches durch den internalisierten Sexismus von uns Erwachsenen verursacht wird, mit Dominanz, Ignoranz und Selbstverständlichkeit. Sie behandeln Mädchen nicht auf Augenhöhe, weil wir Erwachsenen es allen Geschlechtern genau so beigebracht haben. 

Neue Wege 

Der in unserer Gesellschaft vorherrschende Sexismus ist ein strukturelles Problem, welches dringend unser aller Aufmerksamkeit benötigt. Es braucht breitflächige Sensibilisierung der Gesellschaft dafür, dass wir Mädchen und Frauen ihre Fähigkeit ihre Wut offen zu zeigen nicht absprechen dürfen. Wir dürfen aufhören uns zu wundern, wieso kaum Frauen in den obersten Führungsreihen anzutreffen sind, wenn wir ihnen von klein auf beibringen, sich nicht für ihr Denken und Sein einzusetzen. Wir dürfen aufhören uns für ein Mutterbild stark zu machen, das Frauen signalisiert noch weniger auf sich und ihre Bedürfnisse zugunsten der anderen zu hören und dazu führt, dass Mütter ihre Verzweiflung und Ohnmacht oft ihren Kindern zum Leid werden lassen. Wir dürfen anfangen, Jungen ein Bild von Weiblichkeit mitzugeben, dass mit Ebenbürtigkeit, Stärke und Handlungsfreiheit assoziiert wird. Und wir dürfen Jungen lehren, dass Väter die Verantwortung für das Gelingen der Familie und damit der nachkommenden Gesellschaft genau so mittragen wie Mütter.

Wir dürfen endlich anfangen junge Menschen als genau das zu sehen was sie sind: Menschen und nicht Geschlechter.

3 Kommentare zu „Sprachlose Wut – die toxischen Werte der weiblichen Sozialisation

  1. Liebe Renée Jasmine,

    ich habe Deinen Blog auf Intragram verfolgt, dort habe ich zwei Accounts privat (hondasek) und ein öffentliches Hobby-Account (dreibuchhoch.de) über Kinderbücher. Seit einiger Zeit kann ich Deine Beiträge nicht mehr lesen und es sieht so aus, als hättest du meine Accounts blockiert. Ich frage mich aber warum? Gibt es dafür einen Grund? Entschuldigung, dass ich über diesen Weg schreibe, aber das Kontaktformular funktioniert auf meinem Rechner irgendwie nicht.

    Viele Grüße
    Honorata

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    1. Liebe Honorata
      Danke Dir, dass Du Dich gemeldet hast. Ich mache zurzeit eine Instagram Pause, um mehr Zeit für meinen Blog zu haben und um neue Bücher lesen zu können. Deswegen kannst Du (wie alle) meinen Instagram Account grade nicht sehen. Ich bin bald zurück und aktiviere Instagram wieder.
      Liebe Grüsse ☀️

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      1. Vielen dank für Deine Antwort. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, aber es sind doch gute Nachrichten:-) Genieße die Zeit und ich freue mich, Dich bald auch auf Insta zu lesen:-) LG

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