Der barmherzige Blick der Selbstvergebung

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Es ist schon wieder passiert. Dabei war der Tag eigentlich sogar richtig gut. Klar, da war das eine oder andere, was Dich geärgert hat, aber das war nicht weiter nennenswert. Ja, etwas müde warst Du heute Morgen auch, aber was will man erwarten, wenn man kleine Kinder hat. Das geht ja allen so. Die Dinge, die Du erledigen wolltest, hast Du pflichtschuldig zur Seite geschoben, um die Bedürfnisse Deiner Kinder zu erfüllen. Geht nicht anders und Du willst schliesslich ein gutes Elternteil sein. Und dann plötzlich und gefühlt aus dem Nichts ist Dir der Kragen geplatzt! Du hast geschrien, Du hast getobt! Alle guten Vorsätze „Ich will eine bessere Mama / ein besserer Papa sein“ und „Ich will nicht mehr schreien“ waren in dem Moment ganz weit weg. In Dir wütete unvermittelt ein Orkan, der sich ungefiltert nach aussen Bahn brach.

Dabei konnte Dein Kind gar nichts dafür. Das Glas ist ihm aus Versehen heruntergefallen. Bei Dir ging in Anbetracht dessen, dass gefühlt die ganze Küche nun voll mit Scherben und Orangensaft war, der Autopilot an: „Noch mehr Arbeit!“, dachtest Du vielleicht. „Kann dieses Kind nicht aufpassen verdammt nochmal?“, „Immer bleibt alles an mir hängen!“, „Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“

Als Dein ganzer Schmerz, Deine ganze Not, Deine ganze Wut rausgebrüllt und sich über Deinem Kind ergossen hat, wirst Du langsam ruhig. Dein Puls senkt sich allmählich, peinigende Klarheit machte sich in Dir breit.

Vor Dir steht Dein aufgelöstes, verängstigtes und erschüttertes Kind.

Du kannst nicht fassen, dass es Dir schon wieder passiert ist. Und dann noch wegen Nichts. Wegen eines blöden Orangensafts und ein paar Scherben bist Du wieder so gemein geworden, so beschämend und verurteilend. Dabei hast Du so so hart an Dir gearbeitet, dass Dir eben das nicht mehr passiert. Du wolltest es doch endlich besser machen und hattest so gehofft, dass Du es nun verstanden und gelernt hast. Aber Du bist wohl zu dumm dazu. Nichts verstanden hast Du, denn sonst wär das nicht schon wieder passiert. Alles umsonst. Unfähig bist Du als Mutter / als Vater. Du hättest gar nie Kinder bekommen sollen. Du machst sie nur kaputt.

Die meisten von uns haben von klein auf gelernt, dass Beschämen und Abwerten der Weg ist mit Fehlern umzugehen.

Vielleicht klingt das bei Dir so oder so ähnlich, wenn Du Dir zuhörst wie Du mit Dir sprichst nach einem Wutausbruch. Wenn es Dir wieder nicht gelungen ist, die Mama / der Papa zu sein, die/der Du eigentlich sein wolltest.
Nach der Wut kommt die Scham. Wir beschämen uns, sprechen uns jede Kompetenz ab. Wir reden uns klein, gestehen uns selbst kein Mitgefühl zu und verlieren die Hoffnung, dass es je anders laufen könnte. 

Wir sehen nicht, wie wir den Tag damit zugebracht haben, unsere Bedürfnisse und Wünsche zugunsten anderer bei Seite zu schieben. Wir erlauben uns nicht, uns einzugestehen wie unfassbar müde wir sind. Erschöpft, überlastet und vermeintlich ohne Anrecht auf eine Pause. 

Beschämen ist ein sehr verbreitetes Erziehungsmittel in unserer Kultur. Wer hat nicht in seiner Kindheit gehört „Schäm Dich!“ oder „Du solltest Dich schämen“. Scham ist allgegenwärtig und äußerst effektiv. Trotzdem nehmen wir sie häufig gar nicht bewusst als solche wahr. Denn selbst die Scham ist schambehaftet. 

Ich mag Dich dazu einladen, Dir in Deinem Alltag zuzuschauen, wie häufig Du Dich beschämst. Das fängt mit Sätzen zu sich selbst „Ach, ich Idiot, hätte ich doch..“ oder „Mensch, bin ich blöd, ich hab schon wieder vergessen..“ an und geht bis zum Hinterfragen unserer Existenzberechtigung. 

Vielleicht wirst Du für Dich feststellen, dass Scham eine viel grössere Rolle in Deinem Leben spielt, als Du bis anhin angenommen hattest. Vielleicht hörst Du plötzlich wieder Stimmen aus Deiner Kindheit, als Deine Erziehungsberechtigten Dich für Deine Fehler mit Worten und Blicken beschämt haben. Vielleicht kommen vermeintlich vergessene Erinnerungen an Situationen hoch, als die Lehrerin über Deinen Kopf hinweg mit Deinen Eltern schlecht über Dich gesprochen hat, so als wärst Du gar nicht da. Oder der Nachbar, der Dich ausgelacht hat, weil Du etwas noch nicht richtig konntest. Oder der Vater, der Dich mit einem Blick bedacht hat, der sagte: „Wie kann man sich nur so anstellen. Aus Dir wird nie was.“ 

„Schäm Dich!“ oder „Du solltest Dich schämen“ haben so viele von uns in unserer Kindheit verinnerlicht.

Tatsächlich ist es so, dass wir die von unseren primären Bezugspersonen in der Kindheit erlernten Erziehungsmuster auch als Erwachsene weiterführen. Wir erziehen uns selbst in der gleichen Art und Weise, wie wir es damals von der älteren Generation gelernt haben – bis zu dem Moment, in dem wir uns dessen bewusst werden.

Fest steht, grad nach Wutanfällen sind die meisten von uns von aller grösster Scham erfüllt. Diese kann so gross sein, dass wir sie kaum aushalten. Es kann deshalb sein, dass wir aus Selbstschutz an der Schuld des Kindes festhalten („Hätte es doch besser aufgepasst!“), um uns selbst eine Rechtfertigung für unser Verhalten zu geben. Eine Erklärung für das vermeintlich Unerklärliche, die uns unser Gesicht wahren lässt.

Für das Kind ist das doppelt grausam. Nicht nur wurde ihm Gewalt angetan. Es wird ihm auch die Verantwortung aufgeschultert für diese Gewalt. Das Tragische daran ist, dass Kinder diese Verantwortung klaglos anerkennen, denn Kinder glauben ganz ganz lange, dass alles was ihre Eltern tun richtig ist. Was das für Konsequenzen für die mentale Gesundheit eines Kindes hat, ist vermutlich jedem klar.

Deshalb ist es entscheidend, dass wir als Eltern immer und ohne Ausnahme die Verantwortung für unsere Wut übernehmen. Vielleicht gelingt uns das nicht umgehend, aber wir müssen das Kind in jedem Fall ent-SCHULD-igen. Es muss wissen, dass nur wir für unsere Gefühle verantwortlich sind, ganz egal was das Kind gesagt oder getan haben mag.

Wir sagen Dinge wie „Hör mal, es tut mir unendlich leid. Ich hab grad völlig die Kontrolle verloren. Es ging mir nicht gut. Ich war mit der Situation überfordert. Ich habe es an Dir ausgelassen, obwohl Dich keine Schuld trifft.“

Was wir nicht tun dürfen, ist die Absolution für unser Verhalten beim Kind abholen. Es geht nicht darum, dass uns unser Kind verzeiht. Denn nochmals: Die Verantwortung für unser Verhalten liegt bei uns, nicht beim Kind. 

Stattdessen müssen wir uns selbst verzeihen.

Aber wie soll das gehen, wenn wir so grossen Mist gebaut haben? Haben wir Vergebung überhaupt verdient? 

Die letzte Frage zu bejahen, fiel mir persönlich sehr sehr lange wirklich schwer. Wie in meinem Artikel „Quell des Wandels“ schon ausgeführt, bin auch ich in dem Wertekonstukt aufgewachsen, dass Fehler nur mit Strafe und sich zusammenreissen wieder gut gemacht werden können.

Aber heute weiss ich: Ja, wir haben Vergebung unbedingt verdient. Obwohl wir unser Kind so sehr verletzt haben.

Entscheidend zu wissen ist nämlich, dass wir gute Gründe hatten so zu handeln. Wir haben unser Kind nicht angeschrien, weil wir abgrundtief böse sind. Nein, der Grund liegt darin, dass wir nie haben lernen dürfen, mit unserer Wut umzugehen, unsere Gefühle auszuhalten, unsere Gedanken zu benennen und für uns selbst gut zu sorgen.

Das bedeutet nicht, dass es deshalb nicht schlimm ist, was wir unserem Kind angetan haben. Aber das wissen wir längst! Deshalb übernehmen wir dafür auch die Verantwortung. Deshalb beschäftigen wir uns auch mit unserer Wut, unseren Fehlern und versuchen neue Weg einzuschlagen. 

Die entscheidende Frage ist deshalb: Was ist in uns passiert, das uns so wütend gemacht hat? Welche Gedanken über die Situation haben uns so aus der Fassung gebracht?

Du stehst also vor Deinem zutiefst erschütterten und traurigen Kind. Es gibt kein Zurück. Die Situation ist wie sie ist. Was kannst Du in diesem Moment jetzt tun?

  1. Nimm Dich selbst in den Arm:
    Wortwörtlich, probier das aus. Umarme Dich selbst in dem Moment, in dem Du wieder Klarheit erlangst und die Scham sich in Dir ausbreitet. Atme tief und nimm an, was in Dir aufkommt
  2. Nimm Dein Kind in den Arm
    Wenn Du das leisten kannst, nimm Dein Kind in den Arm. Weint zusammen über das, was grad passiert ist. Weinen bringt den Schrecken über das Erlebte bei beiden in den Fluss und kann sehr sehr heilsam sein. 
  3. Gestehe Dir Deine Scham ein
    Es ist in Ordnung, wenn Du Dich schämst. Lass sie zu und wenn Du meinst, es passt, dann sag Deinem Kind, dass Du Dich schämst. Das Kind hat so die Chance das was es bei Dir sieht einzusortieren.
  4. Geh in die Selbstfürsorge
    Was kannst Du jetzt tun, damit es Dir besser geht? Wenn Du das leisten kannst: Kannst Du etwas tun, was Dir und Deinem Kind grad gut tun würde? Fällt Dir etwas ein, was Verbindung schaffen kann? Vielleicht brauchst Du aber auch erst einen Moment um Dich zu sammeln. Dann sag das Deinem Kind genau so.
  5. Schaff Verbindung – zu Dir und zu Deinem Kind
    Schaff Verbindung mit Deinem Körper. Abklopfen kann helfen, Hüpfen kann helfen. Aber auch tief atmen. Mir hilft auch dabei eine Hand aufs Herz zu legen. Sobald Du Dich einigermassen spürst, schaff auch Verbindung zu Deinem Kind. Gewalt (auch in Form von Anschreien) kappt Verbindung. Es geht also jetzt darum, diese wieder aufzubauen. Schlag Dinge vor, die niederschwellig sind (also keinen grossen Aufwand bedeuten; denk daran, dass Du grad geschwächt bist) und euch beiden gut tun. Zum Beispiel Kuscheln auf dem Sofa mit dem Lieblingsbuch oder Disney+, einen Kakao zusammen trinken, etwas zusammen malen, puzzlen.. Egal was: Allein entscheidend ist, dass ihr es zusammen macht und dass ihr euch dabei gegenseitig spürt. 
  6. Sprecht darüber
    Wenn Du Dich einigermassen gefangen hast, sprich an, was passiert ist. Was bei DIR passiert ist. Bleib bei ICH-Botschaften, denn Du trägst die Verantwortung für Deine Gefühle und für Dein Verhalten. Das Kind hat das Glas heruntergeschmissen, aber vermutlich gab es auch schon ähnliche Situationen, in denen es Dir nichts oder zumindest viel weniger ausgemacht hat, dass es Scherben gab? Genau das ist der Punkt: Der Fakt, dass es Scherben gab, bleibt der gleiche. Unsere Gedanken dazu ändern aber und sorgen dafür, dass wir plötzlich explodieren. Deshalb ist es unser Thema und nicht das des Kindes.
Es geht darum wieder Verbindung zu schaffen. Zu uns und zu unseren Kindern.

Alle haben sich etwas beruhigt und wieder gefangen. In Dir pocht aber die Scham und das Gedankenkarrussell „Wie konnte das passieren?“ treibt Dich um. Am liebsten würdest Du einfach vergessen, dass das passiert ist. Was kannst Du also tun, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist?

  1. Mach Dir Deinen inneren Monolog bewusst
    Wir dürfen die Scham annehmen. Sie darf da sein. Je klarer wir die Gedanken hören, die sie uns ins Ohr flüstert, desto handlungsfähiger sind wir. Denn wir sind uns dadurch der Brutalität, mit der wir mit uns umgehen, bewusst. Das bedeutet aber keinesfalls, dass diese Gedanken wahr sind. Es ist nicht in Ordnung, dass wir so mit uns sprechen. Aber statt unsere Gedanken wegzuschieben, kann es sehr hilfreich sein sie sich bewusst zu machen. Auch um zu merken, wie destruktiv unser Umgang mit uns selbst ist. 
  2. Analysiere ohne zu werten was passiert ist
    Was war da los? Führe Dir vor Augen, was vor Deinem Wutanfall war. Wer hat was wann gesagt? Wer stand wo im Raum? Wie hat sich Dein Körper angefühlt? Hast Du vielleicht den Kiefer angespannt? Wie war Deine Atmung? Was hast Du gedacht? Was hast Du über Dein Kind gedacht? Was hast Du über Dich gedacht? 
    Wie war der Tag? Was hast Du alles schon geleistet? Wie war die Nacht? Konntest Du schlafen? Wie ist Dein generelles Setting im Leben zurzeit? Geht es Dir gut oder hast Du viele Sorgen? Was sind das für Sorgen? 
    Schreib alles auf und versuche Dich dabei nicht zu bewerten. Bleib neutral. Versuche möglichst kurze und ganz konkrete Sätze zu formulieren. Es geht darum Verständnis dafür aufzubringen, warum Du gehandelt hast, wie Du gehandelt hast. Du befähigst Dich damit einen Gegenpol zu dem Gedanken zu setzen „ich bin ein Versager“ und zu dem Gedanken „Ich kann mir selbst nicht trauen, weil meine Wut aus dem Nichts kommt“. Denn beide sind nicht wahr, auch wenn Deine Gedanken sie Dir einzureden versuchen. 
  3. Wechsle den Blickwinkel
    Stell Dir vor, Du hättest selbst die allerallerbeste Mutter der Welt. Eine Mutter, die vor Liebe, Verständnis und Geduld überquillt. Die es von ganzem Herzen gut mit Dir meint. Versuche Dich und Deine Situation durch ihre Augen zu sehen. Was würde sie sagen? Wie würde sie Deine Bemühungen, Dein Kämpfen mit Deinen Gefühlen beäugen? 
    Vermutlich würde sie Dich sanft in den Arm nehmen und Dir Dinge sagen wie: „Du hast Dich so so angestrengt. Du hast Dir so viel Mühe gegeben. Und jetzt bist Du unendlich traurig, dass Du wieder geschrien hast. Das kann ich gut verstehen.“ Vermutlich würde sie Dir raten, nachsichtig mit Dir zu sein. Dass Du Deinem Kind nicht mit Absicht schaden wolltest. Dass Du gut daran getan hast, die Verantwortung für Dein Handeln zu übernehmen und dass Du weiter an Dich glauben darfst. Dass Du es schaffen kannst und dass Du barmherzig mit Dir sein darfst, grad weil Du die Hoffnung und das Bemühen nicht aufgibst, dass Du es lernen wirst, Deinen Gefühlen den Raum zu geben, den sie brauchen und verdient haben. Sie würde Dir vielleicht sanft über den Kopf streicheln und Dir zuflüstern, dass es nicht Deine Schuld ist, dass Du als Kind nicht lernen durftest wie man mit Wut umgeht. Dass es nicht Deine Schuld ist, dass Du damals vielleicht immer bestraft wurdest, weil Du Dich schon wieder „daneben“ benommen hast. Statt dass man Dir zugehört hat und Dich versucht hat zu verstehen. Die allerallerbeste Mutter der Welt würde Dich so lange im Arm halten, bis es Dir besser geht. Bis Du Dich sicher fühlst und wieder ins Vertrauen kommst. 

    Nimm dieses Gefühl mit. Meditiere über dieses Gefühl und mach die allerallerbeste Mutter der Welt zu Deiner ganz persönlichen Begleiterin im Alltag. Du wirst feststellen, dass keine Selbstkasteiung, keine Selbstbeschämung, keine Abwertung Dir gegenüber Dich so weit voran bringt in Deiner persönlichen Entwicklung und in Deiner Fähigkeit die Mutter / der Vater zu sein, die/der Du schon immer sein wolltest, wie die regelmässige Erinnerung daran, dass wir uns selbst die grösstmögliche Empathie gegenüber aufbringen dürfen. 

3 Kommentare zu „Der barmherzige Blick der Selbstvergebung

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