Wir sollten das „Nein“ unserer Kinder feiern

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Es gibt Dinge, die sind zumindest in der westlichen Welt grenzübergreifend gleich oder zumindest sehr ähnlich. Dazu gehören auch die Antworten von Eltern, was sie sich für ihre Kinder langfristig wünschen. Die Kinder sollen zu selbständigen, glücklichen, erfolgreichen Erwachsenen werden, die für sich und ihre Anliegen einstehen können. Tatsächlich ist auch mir persönlich noch kein Elternteil begegnet, das sich gewünscht hätte, die Kinder sollen als Erwachsene in erster Linie folgsam und still sein.

Inkonsequenterweise sieht der Alltag von späteren Erwachsenen aber ganz anders aus. Unser ganzes Gesellschaftssystem ist so aufgebaut, dass Kinder anecken, wenn sie nicht in erster Linie ruhig, zurückhaltend und – um es auf den Punkt zu bringen – grösstenteils ohne Meinung sind. „Kinder müssen lernen stillzusitzen“, obwohl wir uns zwei Sätze später darüber echauffieren, dass Kinder heute viel zu dick und faul sind und obwohl erwiesen ist, dass Kinder in Bewegung besser lernen. „Kinder müssen lernen zuzuhören“, obwohl wir ihnen im Alltag meist nur ein halbes Ohr schenken und das Handy meist deutlich mehr Aufmerksamkeit geniesst, als unser Kind. „Kinder (insbesondere Mädchen) sollen nicht laut sein“, obwohl dieses „laut“ meist nur ein unbedarftes Ausprobieren der Kinder ist und aus der inneren Freude am Tun entspringt.

Wie passt das zusammen?

Eltern haben in der Regel eine Vorstellung davon, wie Kinder sein sollen. Diese ist vielfach geprägt von der eigenen Familie, Werbung und Sozialen Medien. Die Idee ist häufig, dass Kinder ihre Kindheit mehrheitlich empfangend durchleben: Also alles entgegen nehmen, was ihnen die Erwachsenen beibringen und ihren Eltern nicht zu viel Mühe bereiten. Diese gewünschte Haltung wird gerne als „Respekt gegenüber Älteren“ zusammengefasst. Erst wenn die Kinder erwachsen sind, sollen sie den Schalter umlegen und anfangen verantwortungsvoll und eigenständig zu denken und handeln.

So viel zur Theorie und ich glaube nicht, dass vielen Eltern dieses Paradox bewusst ist. Dass es nicht funktionieren kann, liegt meines Erachtens klar auf der Hand. Mir konnte bislang auch noch keiner sagen, wann, also in welchem Alter, dieses Umlegen des Schalters stattfinden soll. Ist das mit 16 oder erst mit 20?
Ja, aber was ist denn nun, wenn das dreizehnjährige Mädchen von Mitschülern zur Mutprobe „Klauen“ angestiftet werden soll? Wenn der vierzehnjährige Junge von Freunden zum Kiffen animiert wird? Wie sehr wünsche ich mir in einer solchen Situation, dass mein Kind verlernt hat „Nein“ zu sagen? Eher gar nicht würde ich einschätzen.

In der Quintessenz wünschen sich Eltern zwar, dass ihre Kinder „Nein“ und damit ihre Meinung vertreten können. Aber halt nur bei anderen und nicht bei ihnen.

Wir sollten uns unbedingt vor Augen halten, dass wir nur dann wirklich selbständige, verantwortungsvolle und mental gesunde Erwachsene grossziehen können, wenn wir ihnen ihre Meinung nicht abtrainieren, sondern sie darin bestärken, sich für ihre Ansichten, Anliegen und Werte einzusetzen. Ich möchte ausserdem auf die eklatante Doppelmoral hinweisen, wenn ältere Menschen von jüngeren Respekt einfordern, ihnen aber im Gegenzug eben diesen einfach nur aufgrund des Alters absprechen. Wenn das nicht der Inbegriff von Diskriminierung ist.

Wenn Du jetzt denkst „Um Himmels Willen, wie soll das funktionieren? Muss ich jetzt alles tun, was mein Kind will?“ kann ich Dich beruhigen. Darum geht es in keinster Weise. Es geht darum, das „Nein“ unserer Kinder nicht zu verbieten. Ihnen nicht zu sagen „Hör auf mit diesem Theater: Du tust jetzt was ich sage!“ sondern mit diesem „Nein“ umzugehen. Ihnen zuzuhören, warum sie etwas nicht wollen und es in die eigene Entscheidung einzubeziehen. Meiner Erfahrung nach haben Kinder aus ihrem Blickwinkel beste Gründe sich gegen etwas zu wehren. Ich kann mein Kind ganz anders begleiten, wenn ich verstehe, warum es sich so verhält, wie es sich verhält. Ich kann sagen „Ich verstehe, warum Du XY nicht möchtest. Ich wünschte ich könnte es ändern, aber wir müssen jetzt leider XY, weil ..“ Das ist eine völlig andere Herangehensweise an einen Bedürfniskonflikt, als wenn ich einfach „deckle“ und so lange verbal drauf haue bis das Kind erschöpft aufgibt.

Erstens lernt das Kind, dass Du ein echtes Interesse an ihm hast. Das wird es ihm ungemein erleichtern mit dem Verzicht auf den eigenen Wunsch umzugehen. Es lernt, dass es gesehen und respektiert wird. Und diesen Respekt wird es für den Umgang mit sich und seinen Mitmenschen mitnehmen. Es ist also genau nicht so, dass durch einen respektvollen Umgang mit Kindern kleine Tyrannen gross gezogen werden, wie von Verfechtern der schwarzen Pädagogik gerne angeführt wird. Kinder lernen von den Erwachsenen. Wie wir mit ihnen umgehen, prägt das Muster wie sie mit sich selbst und ihren Mitmenschen heute und in Zukunft umgehen werden.

Ich lade also alle Eltern dazu ein, das „Nein“ ihrer Kinder mit Inbrunst zu feiern und sich im mitunter trubelreichen Familienalltag vor Augen zu führen, wie entscheidend es ist, dass ihre Kinder die Fähigkeit ihre Meinung zu äussern nie verlernen.

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