Andersmachen

Es sind zwei Paar Schuhe, zu merken, dass das eigene Verhalten dem Kind gegenüber nicht in Ordnung ist/war und Handlungsalternativen zu kennen und umsetzen zu können:
Wir greifen in der Not auf erlerntes Verhalten zurück, selbst wenn wir es doch eigentlich anders machen wollen.

Deshalb geht es in der Rubrik „Andersmachen“ um Themen, die wohl die meisten Eltern kennen und auf ihrer Reise des Kinderbegleitens umtreiben. Dabei gebe ich Dir die Impulse an die Hand, die mich persönlich weitergebracht haben und unseren Familienalltag erleichtert haben.

Somit ist es nicht die Idee, ein „Richtig“ oder „Falsch“ zu definieren, sondern einen Perspektivwechsel anzuregen, welche Wege es vielleicht nebst dem Erlernten gibt, eine Situation zu betrachten und zu lösen.

Im Fokus steht bei allen Impulsen ein respektvoller und non-adultistischer Ansatz gegenüber dem Kind, flankiert von den Ressourcengrenzen der Eltern.

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Mein Kind will nicht gewickelt werden.

In unserer Gesellschaft ist es so gewöhnlich, Kinder beim Wickeln zu unterwerfen, dass viele diesen Umstand gar nicht in Frage stellen. Und wenn sie zum Punkt kommen, sich zu fragen, ob es nicht falsch sein könnte, wissen sie nicht wie anders machen.

Ich hab einen absoluten Wickelverweigerer daheim & weiss bestens wie nervig das ist, wenn Leute einem schulterzuckend Sätze entgegnen wie „Dann wickelst Du halt 20 Minuten später, wenn er grad nicht will“. Ich denke dann jeweils: „Schön, wenn das bei euch 20 Minuten später klappt. Mein Sohn hat seine Einstellung zum Wickeln nach 20 Minuten nicht geändert. 

Was also tun mit dieser Dauersituation?

💕 Bevor ich an mein Kind herantrete, sorge ich gut für mich. Ich versuche gar nicht erst es zu wickeln, wenn ich im „Das muss jetzt hier erledigt werden“-Modus bin.

💕 Ich gehe auf meinen Sohn zu im Wissen, dass ich jetzt etwas von ihm möchte, was er ganz und gar nicht mag. Ich gestehe ihm zu, Wickeln nicht zu mögen. Diese innere, klare Haltung ist immens wichtig. 

💕Ich erkläre, was ich möchte und schlage direkt Dinge vor, die er sehr mag und während des Wickelns tun kann: Z.B. seinen Lieblingshammer halten, sein Klebebuch durchblättern, sein Wimmelbuch anschauen. 👉🏻 Es ist grad an Tagen, an denen ich kraftlos bin, für mich persönlich völlig in Ordnung, wenn er während der Zeit und auch danach auf dem Handy Youtube Kids schauen will. Wenn ihm das hilft, das Wickeln durchzustehen, ist das wunderbar. 

💕 Im Stehen wickeln: Grad dieses Nicht-Auf-Dem-Rücken-Liegen (Unterwerfungsposition) hilft ungemein.

💕 Ich rede das Wickeln nicht schön und lobe ihn auch nicht dafür „Du machst das toll“, wenn er mir die ganze Zeit zurückmeldet wie blöd das Wickeln für ihn ist. Solch Loberei verfolgt in aller Regel das Ziel das Kind zu beschwichtigen. 👉🏻 Ich will aber, dass mein Sohn klar zeigt, wenn es ihm nicht gut geht. Auch wäre es vermessen zu glauben, dass durch das Loben das Wickeln positiv verknüpft wird. 

💕Stattdessen spiegle ich seine Emotionen und begleite ihn so durch die unangenehme Situation durch.

Kindliche Gefühle spiegeln:
Der Weg aus Konfliktsituationen

Beim Spiegeln geht es darum die Gefühle des Kindes in Worte zu fassen. Wir helfen dem Kind, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, sie zu unterscheiden und zu verarbeiten. 

Wir beschreiben die erlebte Realität des Kindes in kurzen, einfachen Sätzen. Z.B.: „Du bist traurig. Du hättest so gerne noch weitergespielt. Das ist so blöd für Dich grad. Du bist so traurig. Ich kann das sehen. Ich verstehe, dass Du traurig bist.“ 

Es ist nicht unser Ziel, die kindlichen Emotionen zu kontrollieren oder zu verändern. 
Wir lenken nicht ab, wir erklären nicht im Sinne von „Aber weisst Du, es ist jetzt Zeit zu gehen“. 
Wir wollen nicht beruhigen oder das Kind fröhlich stimmen 👉🏻 Weil unser Kind sich dadurch sicher ist, dass seine Gefühle sein dürfen, kann es sein, dass es noch mehr weint oder noch wütender wird. Stattdessen begleiten wir es durch seinen Gefühlssturm ohne diesen zu werten. 

Warum macht Spiegeln Sinn? 

Kinder lernen so einen kompetenten Umgang mit ihrer Gefühlswelt. Sie lernen, dass Gefühle da und in Ordnung sind. Sie lernen sie auszuhalten und zu durchleben, sodass sie sich nachfolgend lösen können. Eine Kompetenz übrigens, die vielen von uns Erwachsenen leider nicht gelehrt wurde & dazu führt, dass wir sogenannt negative Gefühle meist schlecht aushalten können. 

Spiegeln im Geschwisterstreit

Im Geschwisterstreit ist das Spiegeln so hilfreich, weil uns von der vermeintlichen und unbefriedigenden Aufgabe des Richterspielens befreit. Stattdessen können wir für jedes Kind beschreiben, was wir sehen: 

Zu Kind 1: „Du wolltest so gerne den Hammer haben. Es bist traurig, dass L. ihn Dir nicht geben mag.“ 

Zu Kind 2: „Du genießt es grad so mit dem Hammer zu spielen und möchtest grad nicht mit L. teilen.“ 

Wenn nötig, können wir auch dem jeweils anderen Kind die Gefühle des Gegenübers spiegeln. Das wäre dann übers Kreuz spiegeln. 

Meine Erfahrung mit Spiegeln ist durchwegs positiv, egal in welchem Zusammenhang. Das Kind fühlt sich verstanden, es fühlt sich wertgeschätzt und es beruhigt sich schlussendlich nachhaltig. Nicht, weil ich es dazu auffordere, sondern weil das Gefühl durchlebt und damit verarbeitet wurde. 

Wenn Eltern nach Konfliktsituationen nachtragend sind.

Ich betone es in all meinen Beiträgen zur Elterlichen Wut: Es ist nicht das Kind, das uns zur rasenden Wut treibt, es sind unsere Gedanken über die Situation und das Kind. Wenn Du hier noch tiefer einsteigen willst, warum das so ist, dann empfehle ich Dir gerne den Beitrag „Der Quell des Wandels„.

Meine Erfahrung ist, dass Eltern, die nach einer Konfliktsituation mit ihren Kindern nachtragend sind, (auch unbewusst) am Gedanken festhalten, der sie so wütend gemacht hat.

Folgende Fragen mag ich Dich ermutigen Dir zu stellen:

🌟 Kannst Du den Gedanken, der Dich so wütend gemacht hat, in klare Worte fassen? 
👉🏻 Wir sind in den Wutmomenten meist in so einem dunstigen Nebel, dass wir nicht genau formulieren können, was wir wirklich denken / was wirklich „unser Problem“ ist. Das ist kein Wunder, denn wie erwähnt, ist unser Gehirn in grosser Not, wenn wir so wütend sind. 
👉🏻 Erst wenn wir wieder zu uns zurück kommen, die Wut abebbt, haben wir die Chance wieder klar zu denken. 💕 Das ist der Moment in dem wir in uns hinein fühlen und uns fragen können, was denke ich eigentlich (über das Kind, über mich, über die Situation)?
👉🏻 Bitte sei geduldig mit Dir, dieses Erkennen unserer Gedanken bedarf häufig Übung.

🌟 Wenn Du den Gedanken klar für Dich formuliert hast: Hast Du ihn überprüft auf seinen Wahrheitsgehalt? Ist er wirklich wahr? Gibt es andere Gründe für das Verhalten Deines Kindes / Dein Verhalten, die wohlwollender sind und die vielleicht genau so wahr sind oder „wahrer“? Nimm Dir Zeit für diese Überprüfung. Auch sie bedarf vielfach Übung. 

🌟 Überprüfe Deine Scham: Inwiefern schämst Du Dich vor Dir und Deinem Kind für Deine Wut? Inwiefern ist es Dir möglich, Dir zuzugestehen, dass Du wieder wütend geworden bist? Wenn wir gelernt haben, dass Fehler uns nicht liebenswert machen (und das haben viele von uns genau so gelernt!) ist es unfassbar schmerzhaft, sich das eigene Unvermögen einzugestehen. Nicht wenige wählen dann in ihrer Not die Vermeidungsstrategie und halten an dem Gedanken fest, dass die Schuld eben doch beim Kind liegt. 
👉🏻 Die Wut ist aber immer (!) unser Thema und sie aufzuarbeiten liegt in unserer Verantwortung als Eltern. Das macht es nicht leichter & weniger schmerzhaft. Aber es lohnt sich wirklich, denn der Gewinn für uns selbst und unsere Kinder ist immens.

Bedürfnisorientiert: Wie funktioniert das eigentlich?

Mich hat folgende Nachricht erreicht und ich glaube, dass viele Eltern sich in diesen Gedankengängen wieder erkennen. Die Nachricht umfasst viele unheimlich wichtige Aspekte, die ich hier gerne mit euch thematisieren möchte:

„Ich bin seit Tagen in so einer Art „Wutspirale“ drin. Ich stehe zu 100% hinter der bedürfnisorientierte Erziehung, lese und befasse mich mit dieser und versuche diese auch „immer“ umzusetzen. Aber seit ein paar Tagen triggern mich so viele Sachen, dass ich so schnell ungeduldig und wütend werde. Z.B. wenn ich alles gefühlt 100 mal liebevoll und geduldig sage; bitte komm Zähneputzen oder komm zieh deine Schuhe an wir möchten los etc. Und erst wenn mein Ton strenger und lauter wird wird darauf reagiert. Ich hab dann sofort ein schlechtes Gewissen, entschuldige mich und bespreche die Situation. Gleichzeitig frage ich mich, wie hätte ich mich in dieser Situation jetzt richtig verhalten können, damit ich zu meinem Ziel komme 😏. Weil vom Gefühl her, hab ich jetzt 10 min bedürfnisorientiert versucht, an mein Ziel zu kommen( Zähne putzen, aufräumen etc), es aber nur klappt wenn ich halt mit Bestechung oder Belohnung um die Ecke komme. Um ehrlich zu sein, setzt mich Instagram manchmal unter Druck, weil man denkt viele Mamas können die Erziehung viel besser umsetzen und wissen immer den richtigen Ansatz, Worte etc.“

Beim Lesen spüre ich den immensen Frust, den dieses Elternteil schiebt und den ich frei wie folgt übersetzen würde: „Jetzt versuche ich doch hier schon alles nett zu machen; aber meine Bemühungen zahlen sich kein bisschen aus, geschweige denn werden sie mir gedankt.“

Ich glaube, dass es vielen Eltern so geht, die für sich entschieden, den Weg der bedürfnisorientierten Elternschaft einzuschlagen. Denn wir haben zu Beginn noch tief verinnerlicht, dass Kinder zu gehorchen haben. Insbesondere, wenn wir schon „den Aufwand betreiben“ und sie nett fragen.

Diese internalisierte Überzeugung ist per se kein Grund sich zu schämen, denn die meisten von uns haben das genau so gelernt. Trotzdem ist sie falsch. 

Bedürfnisorientierte Elternschaft heisst meines Erachtens, dass die Bedürfnisse aller (!) Familienmitglieder auf den Tisch gepackt werden und geschaut wird, wer braucht und will was und wie können wir einen Konsens schaffen, der jedem bestmöglich und auch entsprechend seinem Alter gerecht wird. Bedürfnisorientierte Elternschaft heisst auch davon auszugehen, dass Kinder immer gute Gründe haben, etwas zu tun oder eben nicht zu tun.
Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet nicht, dass wir nur freundlich fragen müssen und dann funktionieren die Kinder wie die Eltern sich das wünschen.

Ich mag meine Vorstellung von Bedürfnisorientierter Elternschaft am Beispiel des in der Nachricht erwähnten Zähneputzens veranschaulichen, insbesondere weil ich da selbst richtig richtig viel ausprobieren durfte dank einem meiner Kinder: 

Ich weiss, dass mein Kind Zähneputzen als etwas von Blödesten auf der Welt empfindet. Das muss ich nicht BEurteilen und mein Kind dafür auch nicht VERurteilen, sondern kann das annehmen, als was es ist: Given Fact. 

Worauf ich Einfluss habe, ist aber WIE ich das Zähneputzen gestalte. Je nachdem wie mein Kräftehaushalt sich an dem Tag darstellt, kann ich unzählig viele Möglichkeiten anbieten, das Zähneputzen angenehmER zu gestalten. Ich kann auch entscheiden, es einfach einmal ausfallen zu lassen, wenn ich damit klar komme und mir dieser Gedanke keine Angst macht. 

Entscheidend ist also erstens, was ich DENKE über die Situation und über mein Kind in dem Moment, in dem es nicht „funktioniert“ obwohl ich es doch „so nett bitte“. 

Zweitens ist entscheidend, wie ich HANDLE in der Situation: Gehe ich wirklich auf das Bedürfnis, die Situation des Kindes ein oder verpacke ich eigentlichen Zwang in nette Worte? 

Um „Bedürfnisorientiert“ leben zu können, sind zwei Dinge meiner Meinung absolut essentiell: 

  1. Radikale Ehrlichkeit zu sich selbst:
    Was ist das eigentlich was ich da grade denke und tue? Es nützt tatsächlich niemandem etwas, wenn wir unser ungünstiges Handeln klein reden. Zeitgleich ist das ehrliche Hinschauen etwas, was schmerzvoll ist und Mut erfordert. 
  2. Die eigenen Ressourcen im Blick haben:
    Ich kann nicht jeden Tag gleich viel leisten. Das ist menschlich und in Ordnung. Ich muss auch nicht jeden Tag perfekt performen – eigentlich nie. Im Gegenteil: Ich glaube, wir leben damit unseren Kindern sehr viel Schädliches vor und es besteht meines Erachtens die Gefahr, dass wir ähnlich absurde Ansprüche an unsere Kinder stellen. Das hat dann wiederum nichts mit bedürfnisorientiert zu tun.
    Wir dürfen uns also ehrlich fragen: Was liegt heute drin? Und wenn gefühlt nichts drin liegt, weil wir die tausendste Nacht in Folge kaum geschlafen haben, dürfen wir rigoros Abstriche machen bei unserer ToDo Liste und an andere Erwachsene delegieren was immer möglich ist. Elternschaft ist in meinen Augen die wohl grösste Challenge, die man sich anzunehmen trauen kann. Unterstützung einzufordern, ist also nicht weniger als sinn- und verantwortungsvoll.

    Der letzte Punkt führt mich auch schon zum Abschluss: Das Vergleichen mit anderen Eltern. Wohl jeder hat das schon mal gemacht und es gibt einen sehr triftigen Grund, weshalb das totale Zeitverschwendung ist: 

    Du kannst Deinen Weg der Elternschaft nur von da aus loslaufen, von wo Du stehst.

    Dich zu beschämen, in dem Du Dir Gedanken machst, alle kriegen das besser hin, hält Dich höchstens davon ab, Deinen Weg zu gehen und Deine ganz eigenen Hürden darauf in Angriff zu nehmen. 

Gaslighting: Was ist das eigentlich?

„Das bildest Du Dir ein.“
„Du bist so empfindlich.“
„Du brauchst wirklich Hilfe.“

Was ist eigentlich Gaslighting. 

Ein so wichtiges Thema, denn ich bin der Meinung, dass viele von uns als Kinder Gaslighting erlebt haben. Ich bin auch der Überzeugung, dass wir in der Konsequenz uns auch als Erwachsene immer wieder gaslighten.

Gaslighting ist eine Form des Missbrauchs, die zum Zweck der emotionalen Manipulation genutzt wird. Ziel ist, dass das Gegenüber an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln beginnt, sodass dadurch die Machtposition des „Gaslighters“ gestärkt wird. Gaslighting ist eine Form von psychischer Gewalt. 

Die Voraussetzung für Gaslighting ist ein Machtgefälle zwischen zwei oder mehreren Personen. Es findet in Paarbeziehungen, zwischen Eltern und Kindern, wie auch zwischen Völkern und Ethnien statt.

Der „Gaslighter“ dominiert das Gegenüber, in dem er es beschuldigt, sich das Geschehene nur eingebildet zu haben, sich anzustellen, zu empfindlich und nachtragend zu sein. 

Gaslighting gegenüber Kindern ist: 

Wenn Kinder sich weh getan haben und ihnen gesagt wird: „Das ist doch nicht so schlimm.“
Wenn Kindern, die traurig sind, unterstellt wird: „Du bist müde.“
Wenn Kinder sich gegen etwas wehren, sich damit für ihre Integrität einsetzen und sie mit einem „Immer stellst Du Dich so an!“ angefahren werden. 
Wenn Kinder Angst haben vor etwas und sie dafür beschämt werden mit einem „Was Du Dir immer einbildest.“ 
Wenn Kindern, die Opfer von verbaler Gewalt wurden, erklärt wird: „Das habe ich gar nie so gesagt!“

Die Liste lässt sich ins Unendliche weiterführen. Nicht immer endet Gaslighting so zerstörerisch, wie einige es vielleicht aus dem Film „The Girl on the Train“ kennen. 

Auch im kleineren Kontext macht Gaslighting etwas mit den Betroffenen. Über lange Zeit angewendet, beginnen sich die Opfer selbst zu misstrauen. Sie fangen an sich selbst zu „gaslighten“, werden von Aussenstehenden abhängig, weil sie die Sicherheit suchen, die sie bei sich nicht finden können. 

Adultismus und Menschenrechte

Auch Kinder haben Menschenrechte. Auch bei uns in Europa.

Allgemeines Nicken, denn das versteht sich doch von selbst. Wir sind schliesslich kein Drittweltland, bei uns ist das ja kein Thema.

Pustekuchen. Es ist ein sogar ein grosses Thema und ein alltägliches obendrein. Hier geht es nicht darum zu debattieren „Wir sollten Kinder nicht schlagen“, denn diesen Konsens setze ich schlicht voraus. Kinder sind aber auch hierzulande tagtäglich psychischer Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.

Einfach nur, weil sie Kinder sind.

Wir haben gesellschaftlich längst nicht erfasst, dass in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nirgends eine Altersbegrenzung geschrieben steht.

Nein. In Artikel 2.2 der AEMR steht auch nicht „Jeder Erwachsene hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, (..)“. Es steht ganz klar „jeder Mensch“ und das schliesst Kinder mit ein.

Wie kann es also sein, dass wir trotzdem erwarten, dass unsere Kinder von sich aus auf einen grossen Teil ihrer ihnen zustehenden Rechte & Freiheiten verzichten? Dass es für sie in Ordnung sein muss, dass sie gefallen, gehorchen und sich verbiegen müssen, um in das von uns Erwachsenen geschaffene System zu passen? Ein System, das in überwiegend vielen Aspekten ausser Acht lässt, ob Kinder das überhaupt leisten können?

Kinder sollten nicht geboren werden, um die Erwartungen der Erwachsenen erfüllen zu müssen. Wir Eltern sollten sie begleiten, ihnen Schützenhilfe bieten, wenn sie es benötigen. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Kinder zu etwas zu erziehen, was sie nicht sind. Denn Menschen, die von klein auf erfahren müssen, dass sie nicht genügen und den an sie gestellten Erwartungen ständig hinterher hinken, gehen schlicht kaputt. Das kann nicht unser elterliches Ziel sein.

Wenn Du Dich im täglichen Leben achtest, siehst Du es an jeder Ecke, wie Kindern Dinge abverlangt werden, die wir nie von einem Erwachsenen verlangen würden. Wie Kinder instrumentalisiert werden, um Erwachsenen ein gefälliges „Jö, sind die süss“ abzuringen. Egal wie die Situation sich darstellt, ist eines immer gleich: Es geht nie um die Kinder, sondern nur um das Wohl der Erwachsenen.

Das ist Alltag. Das ist Adultismus.

Der Familienalltag langweilt mich.

Kinder zu haben, ist für viele von uns etwas Wunderbares. Sie ohne Pause zu betreuen und nebenher den ganzen Umschwung zu wuppen, ist etwas Anderes. Trotzdem gibt es Phasen in der Elternschaft, die genau das von uns fordern.

Was also kann helfen?

  1. Suche Dir Dinge in Deinen Alltagsaufgaben, bei denen etwas für DICH herausspringt. Grad wenn viel Trubel herrscht und die ToDo Liste vermeintlich endlos erscheint, ist das Beachten Deiner Bedürfnisse und Wünsche um so wichtiger, dass Du möglichst in der Balance bleibst.
    Dabei ist es wichtig zu hinterfragen: Was fehlt mir? Hilft es, beim Saubermachen die Musik aufzudrehen oder ist ein Podcast über eins meiner Lieblingsthemen hilfreich? Kann ich direkt zwischen den Kinder, Puzzles und Bauklötzen ein paar Sport- oder Dehnübungen vollbringen, um mein Bedürfnis nach Bewegung auszuleben? Kann ich beim Frühstückmachen etwas für mich Tolles (zusätzlich) auftischen? Kann ich mit den Kindern ein Lexikon ansehen, bei dem auch ich was lerne, was mich interessiert?
  2. Nimm jede Unterstützung an, die Du bekommen kannst. Elternschaft ist eine immense Challenge. Die Last auf mehrere Schultern zu verteilen, ist also nicht nur sinn- sondern auch verantwortungsvoll. Welchen Erwachsenen kannst Du was abgeben?
  3. Streiche rigoros: Teile Deine ToDos in Kategorien ein. Alles was nicht unbedingt notwendig ist, streichst Du raus. Wenn nötig, kannst Du sie wieder einbauen, wenn Du mehr Luft hast.

Eltern sind keine Superhelden. Ich finde dieses Bild in höchstem Masse schädlich, weil es Scham und Frust generiert. Eltern sind die KapitänInnen des Schiffs „Familie“. Um alle sicher über stürmische Gewässer zu bringen, ist es matchentscheidend, dass es ihnen gut geht.

„Mein Kind haut, schubst und beisst!“

Es gibt vier Gründe, warum wir körperliche Reaktionen von Kleinkindern im Streit nicht unterbinden und sanktionieren sollten, so lange kein Streitbeteiligter gefährdet ist oder klar unterliegt:

🦉 Unmittelbarkeit
Kleine Kinder leben immer im Moment. Ihr Gehirn ist noch nicht ausgereift, weshalb sie nicht reflektieren, bevor sie handeln. Sie folgen ihren Impulsen und das ist in Ordnung so. Sie ärgern sich, also zeigen sie das auch und zwar mit einer für sie grad passenden Reaktion. 

🦉Überforderung
Es bringt nichts, an ein zweijähriges Kind heran zu reden: „Du darfst nicht hauen!“ Natürlich soll es im reiferen Alter zu anderen Mitteln greifen, um sich zu behaupten. Aber jetzt gerade kann es das einfach noch nicht. 

🦉Vorbilder
Kinder lernen am Vorbild: Zeigen die Eltern, wie eins sich sinnvoll und trotzdem auch beharrlich für die eigenen Bedürfnisse einsetzen kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass die Kinder dieses Verhalten aneignen werden. Insbesondere da sie sehen, dass es funktioniert. 

🦉Hemmung
Was Kinder lernen, wenn wir sie für mässiges Hauen, Beissen & Schubsen beschämen und bestrafen, ist, dass wir nicht möchten, dass sie sich ausdrücken. Nochmals: Sie können ihren Unmut vielfach noch gar nicht auf anderen Wegen ausdrücken. Es ist aber wichtig, dass Kinder (insbesondere weiblich sozialisierte Kinder!) sich in sich zurückziehen, wenn es um ihre Bedürfnisse geht!

Was können wir tun? 

🦉 Wenn wir das aushalten, können wir dem Streit so lange seinen Lauf lassen, so lange keiner ernsthaft gefährdet ist und alle Beteiligten einigermassen gleich auf sind (Altersabstand zwischen den Kindern beachten!)

🦉 Ist jemand ernsthaft gefährdet oder unterliegt immer wieder, ist es Aufgabe der Eltern IMMER einzugreifen. Das ist hier kein Aufruf zu Mobbing!

🦉 Wir können Emotionen spiegeln!
Das ist DAS ULTIMATIVE Werkzeug, wenn es um Konfliktlösung geht und unterstützt Kinder immens und nachhaltig in ihrer Empathie-Entwicklung.