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Kaum eine Diskussion führe ich so häufig wie die darüber, ob der Feminismus nicht schon längst ein alter Zopf ist. Ganz im Sinne von: Ja früher war das eine notwendige Sache, aber jetzt haben die Frauen* ja alles was sie wollten.
Mit „häufig“ meine ich tatsächlich rund zwei Mal die Woche. Warum ist das so? Offenbar sind ganz viele Menschen nicht aufgeklärt darüber, welche existenziellen Nachteile sie im Leben haben. Denn ich spreche hier nicht nur von Männern*, denen eins unterstellen mag, dass sie vielleicht einfach nicht die Vorstellungskraft besitzen können, sich in die Lebensrealität einer Frau* und Mutter* einzudenken. Ich spreche hier auch von Frauen*, die sich schlicht nicht bewusst sind, dass das System sie und ihre Töchter* massiv benachteiligt. Weil es nach wie vor ein „von Männern für Männer“ geschaffenes System ist.
Ich spreche hier ganz konkret von Gender Pay Gap, von doppeltem Risiko für Altersarmut, von fehlender Kinderbetreuung mit all ihren Konsequenzen, fehlenden weiblichen Role Models, die zeigen würden, wie wie Vereinbarkeit von eigenen Ambitionen und Familie realistisch funktionieren kann, von anhaltendem massiven gesellschaftlichem Druck, der Mütter* in eine Rolle drängt, die für sehr viele von ihnen eigentlich nicht passend ist, derer sich zu befreien, aber eine immense (meist nicht vorhandene) Kraft fordern würde.
Ich spreche von Victim Blaming bei sexuellen Übergriffen, vom Todschweigen von Feminiziden, von Gewalt in Beziehungen und Familien, die Frauen* exponenziell häufiger betrifft als Männer*. Ich spreche aber auch von finanzieller Abhängigkeit durch das nach wie vor gängige Modell, dass der Vater* der Hauptverdiener ist, wodurch Frauen* nicht nur auf viel Lohn und damit eigene Ersparnisse verzichten, sondern auch auf ihre Altersvorsorge. Die allerwenigsten Paare sorgen hier für eine faire finanzielle Aufteilung, die die Frauen* angemessen absichern würde. Ich spreche davon, dass in deutschen Schulen auch heute noch hauptsächlich die männliche Perspektive unterrichtet wird; sei es dadurch, dass herausragende weibliche Personen der Geschichte nicht vorgestellt werden oder dadurch, dass die Literaturliste im Deutschunterricht aus fast ausschliesslich männlichen Schriftstellern besteht – selbst wenn, und jetzt wirds wirklich kurios, es in den Büchern um das Leben und Erleben von weiblichen Protagonistinnen geht. Die weibliche Lebensrealität wird schlicht in ganz weiten Teilen ausgeklammert und der männliche Blick auf die Welt als Norm vermittelt. Hochproblematisch, weil Mädchen* dadurch permanent vorgelebt wird, dass ihre – selbstverständlich andere – Lebensrealität falsch oder unzulänglich ist oder anders ausgedrückt: Dass sie sich ändern müssen, um in die Gesellschaft zu passen.
Trotz alle dem: Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum es viele Frauen* gibt, die sich mit all den Nachteilen, die sie über ihr ganzes Leben erfahren, nicht auseinandersetzen möchten: Denn es ist schmerzhaft.
Aus eigener Erfahrung gesprochen, kann ich sagen, das ist kein Weg, der sich leicht geht, weil er natürlich direkte Konsequenzen auf die eigenen Beziehungen hat. Hast Du einmal angefangen wirklich hinzusehen, kannst Du nie mehr so tun, als gäbe es das alles nicht. Du bist gezwungen, Dinge anzusprechen statt einfach hinzunehmen, weil sie einfach so unfair sind. Und das kostet Kraft. Kraft, die häufig an anderen Stellen aufgebraucht wird, spätestens sobald eine Frau* Mutter* geworden ist. Denn irrwitzigerweise ist es auch heute noch so, dass die Menschen nicht den Vätern* die Schuld dafür geben, dass die ihre Verantwortung an der Familienarbeit ignorieren, sondern den Müttern*. Grade diese Woche hatte ich ein ebensolches Gespräch, in dem mir eine Mutter sagte: „Die Frauen* müssen aber natürlich auch die Arbeit (an die Männer*) delegieren, sonst dürfen sie sich nicht wundern, wenn nichts passiert.“
Echt jetzt?
Nein! Denn die Väter* haben sich in den allermeisten Fällen genau so für das Lebensmodell Familie entschieden, wie die Mütter*. Es gibt keinen, wirklich gar keinen, validen Grund, weshalb es folglich den Müttern* obliegen sollte, die Väter* über ihre Pflicht aufzuklären, sich doch bitte um die eigene Familie zu kümmern.
„Mein Mann ist anders, der macht einen Papatag“
Achtung, jetzt wirds schmerzhaft. Denn der gut gemeinte Papatag darf uns wirklich auch viel zu denken geben und der Aufschrei ist gerne gross, wenn er kritisiert wird. Aber hilft ja nichts; wer genau hinschaut, der sieht eben trotzdem schnell den Trugschluss an dem vermeintlich fortschrittlich gedachten Modell des Papatags.
Ich nehme in Gesprächen regelmässig einen heimlichen Stolz wahr bei Müttern*, deren Partner* sich während der Woche einen oder einen halben Tag Zeit nimmt für die gemeinsamen Kinder. Es schwingt dieses „mein Mann ist anders / wir leben den Fortschritt / ich habe einen „der Guten“ daheim“ mit. In Anbetracht dessen, dass es tatsächlich auch im Jahr 2023 noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, dass der Vater* seinen Anteil an der Familienarbeit übernimmt, ist dieses Empfinden nachvollziehbar und es liegt mir ehrlich fern, die Frauen* hierfür zu beschämen. Wenn alle anderen noch weniger machen, ist ja irgendwie klar, dass man froh ist, wenigstens auf etwas Verantwortungsgefühl beim Partner* zählen zu können.
Aber wenn wir mal wirklich hinschauen, passiert an den Papatagen in erster Linie Bindungsarbeit vom Papa* zu den Kindern. Das ist super wichtig – keine Frage. Es ist wichtig, dass Kinder ihren Papa* erleben dürfen als reale Bezugsperson, die nicht nur gefühlt immer auf der Durchreise ist. Die Mutter* aber wird dadurch in den allermeisten Fällen nicht von der Arbeit, die im Familienalltag anfällt, entbunden. Während sie* an den „Mamatagen“ – es ist ja nun durchaus bezeichnend, dass es diesen Begriff so kaum gibt – nämlich alles wuppen muss: Wäsche waschen und bügeln, Geburtstagsgeschenke überlegen, organisieren, einpacken, Recherchieren, welches die besten Ferienlager, Babybodies, Schulen, Kinderbetten etc pp sind, dafür sorgen, dass die kaputte Trinkflasche fürs Kind ersetzt wird, das Kind beim Fussball anmelden, mit anderen Müttern* das Hinbringen und Abholen von der nächsten Kindergeburtstagsfeier abstimmen, die Dokumente wie Impfplan, Versicherungspolicen, Zeugnisse sinnvoll ablegen, sodass sie im Idealfall auch wieder griffbereit sind, wenn gebraucht, den Anruf bei der Schwiegermutter, weil die sonst jammert, dass sie „nie was von euch hört“.. You name it; die Liste ist endlos! All diese Arbeit muss die Mutter* an den „Mamatagen“ nämlich erledigen, während sie die Kinder hat. Wie kann eins den Müttern* es also als „fair“ verkaufen wollen, wenn Papas diesen riesigen Wust an Arbeit an ihren Papatagen getrost auf den Schultern ihrer Partnerinnen belassen.
Nun mag eines anführen: Ja, aber wenn die Papas* schon so wenig Zeit mit den Kindern haben, dann sollen sie sich auch völlig auf die Kinder konzentrieren können.
Joah, ist ein Argument – und zwar eines dass dringend dafür spricht, dass der Papatag eben einfach schlicht nicht ausreicht. Es reicht nicht einmal die Woche den Familienhut anzuziehen! Zumindest dann nicht, wenn es darum geht, dass Fairness und Gleichwertigkeit zwischen Mütter* und Väter* zu erreichen.
Und hier schliesst sich der Kreis. Denn ich arbeite mit Müttern*, die wütend sind. Wut ist das Gefühl, welches uns darauf aufmerksam macht, dass uns Unrecht getan wird, dass unsere Grenzen überschritten werden und dass wir etwas ändern müssen.
Frauen* und Mütter* in ganz besonderem Masse* werden in unserer Gesellschaft nach wie vor stark benachteiligt, das ist Fakt. Es ist also kein Wunder, sondern eine natürliche Konsequenz, dass sie wütend sind und es obliegt der Gesellschaft, hier Gleichberechtigung zu schaffen. Um zur Eingangsfrage zurück zu kommen, ob es den Feminismus heute noch braucht: Ja verdammt!
