Schäm Dich!

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Ich beschäftige mich seit Monaten intensiv mit dem Thema Scham und bin aktuell auch in einer Arbeitsgruppe, die sich auf dieses so unangenehme Gefühl fokussiert und damit arbeitet. Wie schon in meinem letzten Beitrag „Die Waffe der Beschämung“ beschrieben, gibt es kaum repräsentative Forschungsarbeit zum Thema Scham. Sicher ist aber, dass wir sie alle bestens kennen.

Das hat mehrere Gründe: Auch wenn sie im Diskurs über Gefühle in Forschung und Literatur kaum Beachtung findet, so ist sie doch allgegenwärtig. Scham ist nicht zuletzt ein sehr effektives Erziehungsinstrument. Denn wie es A.J. Bond vor Kurzem in einem Interview so treffend ausgedrückt hat: „Scham gibt uns das Gefühl von der Gruppe ausgeschlossen zu sein und das für immer.“

Menschen sind sehr soziale Wesen und der Ausschluss aus der Gruppe ist insbesondere für Kinder, die die effektive Tragweite noch nicht genau abschätzen können, ein höchst alarmierendes und beängstigendes Erlebnis, das häufig als existenziell wahrgenommen wird. Bindungssicherheit ist die Grundlage für ein gesundes, mentales Aufwachsen von Menschen und Scham kann diese ganz massiv untergraben. Selbst wenn der vermeintliche Ausschluss auch nur kurzzeitig ist. Es wird in der Folge sehr viel Schmerz in Kauf genommen, um dem beschämenden Moment des Ausschlusses aus der Gruppe zu entgehen. Menschen verbiegen sich, passen sich an bis zum Unerträglichen, nur um dazuzugehören. KeineR soll denken, dass mit ihnen etwas „nicht stimmt“. Nichts falsch machen zu wollen, perfekt zu sein, sind solche unrealistischen Vorstellungen, die aus der Scham heraus geboren werden und einzig den Zweck verfolgen, zu verhindern, dass mit dem Finger auf eineN gezeigt wird.

Es gibt Theorien, dass Scham eine der Haupttreiberinnen hinter pathologischem Verhalten wie zum Beispiel Suchtverhalten, Essstörungen, exzessiver Medienkonsum u.ä. ist. Es wird angenommen, dass dies insbesondere darauf zurückzuführen ist, dass Scham ein derart unangenehmes Gefühl ist, dass Betroffene sie unbedingt vermeiden möchten und somit nach Strategien suchen, ihr auszuweichen. Das Suchtmittel bietet hier einen kurzfristigen Ausweg aus der existenziell bedrohlich empfundenen Gefühlslage.

Generationsübergreifendes Erbe

Scham gehört gemäss Jesper Juul wohl zu den Gefühlen, die an die jüngere Generation auch nonverbal weitergegeben werden. Das bedeutet, dass Eltern, die viel mit eigener Scham zu kämpfen haben, diese auch an ihre Kinder weitervererben – vermutlich insbesondere dadurch, dass Kinder am Modell lernen. Kinder müssen also nicht einmal aktiv beschämt werden, um sich selbst viel zu schämen. Sie übernehmen nicht selten schlicht das Verhalten der Eltern.

Scham wird aber auch strukturell instrumentalisiert, wenn es darum geht, unangenehme Menschen zum Schweigen zu bringen oder sie zu diffamieren. Nehmen wir das dritte Reich als augenscheinliches Beispiel wie Beschämung genutzt wurde, um bestimmte Gruppen von Menschen zu objektivieren, von der Gemeinschaft auszuschliessen und sie klein zu halten.

Was hilft denn nun?

Scham ist unerhört unangenehm. Sie ist ein fürchterliches Gefühl, welches sich, wie alle negativ konnotierten Gefühle auch dadurch auszeichnet, dass Betroffene nicht nur mit der Scham zu kämpfen haben, sondern sich meist auch für das Empfinden der Scham selbst beschämen („Jetzt stell ich mich an. Das ist doch nicht so schlimm.“). Diese Verschachtelung der Gefühle erschwert es zudem, sich der Scham effektiv zu nähern.

Der Schlüssel raus aus der Scham liegt aber genau darin. Indem wir sie zulassen und auszuhalten versuchen, statt sie zu verdrängen: Scham lichtet sich, sobald wir ihr Raum und Zeit geben. Der Mechanismus ist ähnlich wie bei der Wut: Wenn das Gefühl da sein darf und es nicht mehr darum geht, es möglichst schnell los zu werden, dann erfolgt Heilung. Du kannst Dir das vorstellen, wie wenn Du mit einem Scheinwerfer eine dunkle Ecke ausleuchtest: Plötzlich ist das Schauerliche, das Beängstigende nicht mehr so furchteinflössend. Stattdessen ist da Klarheit und Erleichterung.

Wenn Du also das nächste Mal das brennend heisse Gefühl der Scham aufkommen fühlst, dann versuch einmal ihm nicht direkt die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Auch wenn es Dir anfangs nur ganz kurz gelingt: Versuch sie einmal anzunehmen, in sie hinein zu atmen, sie auszuhalten.
Genau das meint man mit „einem Gefühl den Raum halten“. Das braucht etwas Übung. Aber Du wirst relativ bald sehen, dass es Dir besser gelingt, dass sich negativ behaftete Gefühle schneller lichten und Du Klarheit darüber gewinnst, was genau Du in dem Moment brauchst, um Dich – nachhaltig – besser zu fühlen.

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