Die Waffe der Beschämung

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Scham und Beschämung sind hoch effektive Instrumente in unserer Gesellschaft, die sich dadurch auszeichnen, dass sie in aller Regel unter der Oberfläche funktionieren. Das Spannende an Scham ist, dass sie ein so unangenehmes Gefühl ist, dass wir es sofort loswerden wollen.

Kleiner Selbstversuch an dieser Stelle: Denk an die letzte Situation, in welcher Du Dich so richtig geschämt hast und jetzt fühl da mal tiefer rein. Wie fühlt sich das an? Wo in Deinem Körper nimmst Du die Scham wahr? Wie lange kannst Du sie aushalten?

Scham ist ein noch kaum erforschtes Gebiet und das obwohl sie so allgegenwärtig ist.
Kinder werden pausenlos beschämt, für ihr Benehmen, ihre Leistungen, ihr Auftreten, ihre Fehler.
Frauen, Mütter* in exponentieller Weise, desgleichen: Sie bewegen sich in einem permanenten Raster von Bewertung und Abwertung. Je patriarchaler die Strukturen, in denen sie leben, desto grösser und realer ist die Gefahr von anderen für Nichtigkeiten beschämt zu werden.
Das dient dem patriarchalen System zur Selbsterhaltung: Scham und Beschämt zu werden ist derart unangenehm, dass die Menschen sie zu vermeiden versuchen, wann immer möglich. Damit das gelingt, versuchen sie gegen aussen die ihnen zugedachten Rollen zu erfüllen, um keinen Spielraum für Beschämung zu bieten. So verständlich das ist, manifestieren sich patriarchale Stereotypen aber dadurch um so mehr. Austausch wird verunmöglicht, weil er erfordern würde, die Maskerade zumindest kurzzeitig zu beenden.

Genau deshalb berichten mir Mütter* in meiner Arbeit davon, dass sie sich nicht trauen, andere um Hilfe zu bitten. Dass sie Angst haben zu sagen, dass sie (zeitweise) überfordert sind, keinen Spass am Muttersein haben oder einfach unglaublich wütend darüber sind, dass sie mit der Geburt des ersten Kindes gefühlte 50 Jahre Emanzipation in den Wind geschossen sehen.

Diese Angst davor sich zu zeigen und auszusprechen, was sie bewegt, ist nichts anderes als die Angst vor der Beschämung. Dabei nützt es nichts zu sagen „Spring über Deinen Schatten und öffne Dich!“. Selbst wenn das der richtige Weg wäre. Aber die Gefahr für die eigene Ehrlichkeit und den Mut trotzdem (mitunter massiv) beschämt zu werden, ist real und sie ist gross. Es scheint als liege für viele eine grosse Befriedigung darin, andere zu beschämen. Ich erkläre mir das damit, dass Beschämung eine Hierarchie voraussetzt oder schafft:
Menschen werden unterlegen gemacht, indem wir sie beschämen. Aus der Perspektive des Patriarchats ist es deshalb umso einfacher marginalisierte Gruppen unserer Gesellschaft zu beschämen. Denn diese sind hierarchisch sowieso bereits auf vulnerabler Position.

Ich möchte Dich dazu ermuntern, Dich die nächste Zeit zu achten, wo Dir Scham und Beschämung in Deinem Alltag begegnen und was sie mit Dir und den Menschen in Deinem Umfeld macht. Wenn Du magst, teile Deine Erfahrungen in den Kommentaren oder schreib mir.

Buchempfehlungen zum Thema Scham:
A.J. Bond: Discomfortable
Brené Brown: Verletzlichkeit macht stark

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