Elterliche Wut

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Dass Mütter*, wütend werden, ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Was absurd ist, denn ausnahmslos alle Eltern kennen Situationen, in denen die Nerven blank liegen, der Verstand sich ausschaltet und Dinge gesagt oder getan werden, die eins hinterher bereut. Das in unserer Gesellschaft propagierte Idealbild „der Mutter“ ist aber nach wie vor ausschliesslich geprägt von Eigenschaften wie Geduld, Fürsorge, Selbstlosigkeit, Empathie. Ein männlich konnotiertes Gefühl wie Wut ist für die perfekte Mutter inakzeptabel.

Dieser Umstand ist aus mehreren Gründen hoch problematisch.

Mütter* erleben ihre Wut als etwas Negatives, als etwas das andere verletzt und als etwas, was nicht da sein darf. Daraus folgt meist der Trugschluss, dass die Wut „weg“ muss. Viele Frauen* fühlen sich von ihrer Wut überrollt, ihr ohnmächtig ausgeliefert und suchen deshalb händeringend nach Strategien, um ihr zu entkommen.
Dadurch, dass den Frauen* von der Gesellschaft die Wut nicht zugestanden wird und sie in der Folge damit rechnen müssten, massiver Beschämung ausgesetzt zu sein, wenn sie offen legen, dass sie im Familienalltag wütend werden, trauen sich die meisten (zurecht) nicht, sich ihrem Umfeld anzuvertrauen und um Hilfe zu suchen. Stattdessen versuchen sie „das Problem“ im Geheimen in den Griff zu bekommen, nebst all den sowieso schon hohen Anforderungen an Mütter“ im Alltag.

Vielleicht gehörst Du auch zu diesen Müttern* und hast schon viel ausprobiert, um Dich nicht mehr Deiner Wut so ausgeliefert zu fühlen. Dann kennst Du mit Sicherheit auch die grosse Scham, welche Dich überkommt, wenn Du gescheitert bist. Eine meiner Klientinnen hat es einmal so beschrieben:

„Das Schlimme in diesen Situationen war auch meine Hilflosigkeit. Ich merkte meistens, dass Wut im Anrollen war, konnte aber gar nichts dagegen tun, weil ich nicht wusste wie. Ich hatte schlicht keine Strategie, wie ich mit der Wut umgehen sollte. So drückte ich sie weg, bis sie plötzlich in voller Wucht da war. So mächtig, dass es kein Halten mehr gab. Sie brach sich Bahn und innert Minuten brannte ich in Worten gefühlt alles nieder.“

Wut ist (k)ein negatives Gefühl

Schon kleinen Mädchen* wird im Zuge ihrer Erziehung mitgegeben, dass Wut kein (für sie) akzeptables Gefühl ist. Mit Sätzen wie „Lächel doch mal, dann siehst Du hübscher aus!“ oder auch „Jetzt stell Dich nicht so an!“ oder „Wenn Du Dich so aufführst, musst Du Dich nicht wundern, wenn keiner mit Dir spielen will!“ wird klar gemacht, dass das Mädchen* in seiner Wut nicht richtig ist. Es wird nicht hingeschaut, WARUM das Mädchen* dieses Gefühl empfindet und was es in dieser Situation braucht. Stattdessen liegt der Fokus darauf, dass das Mädchen* sein Gefühl wegzudrücken hat.

Was Mütter* also in aller Regel als Strategie gegen ihre Wut anwenden, haben sie von Kindesbeinen an so beigebracht bekommen: Die Wut muss weg.

Die Konsequenz für wütende Mädchen* ist damals wie heute fast immer der soziale Ausschluss. Eltern bestrafen die Mädchen* meist mit Beschämung gefolgt von „aufs Zimmer schicken“, Ignoranz und Liebesentzug. Grade der soziale Ausschluss ist, wie man heute weiss, eine der härtesten Strafen für Kinder, da Kinder in einem Masse von der Liebe und Zuwendung ihrer Eltern abhängig sind, wie es sonst nirgends in unserer Gesellschaft zu finden ist. Eltern versetzen ihre Kinder mit diesen Massnahmen in eine mitunter existenzielle Not, abhängig vom Typ und der Resilienz des Kindes.

Genau diese Not führt in Momenten der Wut bei Müttern* dazu, dass sie sich ohnmächtig fühlen.

Fürs Fühlen bestraft

Es ist so unsinnig wie alltäglich und deshalb müssen wir genau hinsehen, was denn in solchen Momenten passiert:
Wütenden Mädchen* wird in diesen Momenten ihr Recht auf Fühlen abgesprochen. Dabei ist Fühlen nichts, was gerade bei Kindern willentlich geschieht. Gefühle kommen auf, weil es für das Kind in diesem Moment einen Grund gibt so zu fühlen. Eltern können diesen Grund vielleicht nicht erkennen oder nachvollziehen – das heisst aber nicht, dass der Grund nicht legitim ist.

Bei genauerem Hinsehen liegt hinter dem elterlichen Absprechen von negativen Gefühlen bei Kindern fast immer der Wunsch der Eltern nicht noch mehr Arbeit zu haben. Denn das Begleiten von Emotionen ist anstrengende Arbeit. Mütter*, die sowieso schon sehr belastet sind, fehlt vielfach die Kapazität und die Kraft, um diese anstrengende Arbeit zu leisten. Auch das muss von unserer Gesellschaft gesehen werden, statt dass Mütter* für diese Überbelastung zusätzlich beschämt werden. Der Punkt ist nur, dass die Kinder die Leidtragenden sind.

Schmerz auf beiden Seiten

Wir haben also auf der einen Seite Mütter*, die in ihrer Kindheit die permanente Erfahrung machen mussten, dass ihre Wut beschämt und bestraft wurde. In der Folge haben sie nie gelernt, was Wut eigentlich für sie (Gutes) tut und wie sie mit ihr umgehen können.

Auf der anderen Seite haben wir die Kinder, insbesondere die Mädchen*, die wiederum von ihren Müttern* nicht lernen können, dass Wut ein äusserst hilfreiches und wichtiges Gefühl ist. Denn Kinder lernen insbesondere am Vorbild, welches hier schlicht fehlt.

So wird Wut als negatives Gefühl von Generation zu Generation weitergegeben. Bis eine den Kreislauf unterbricht und sich traut genau hinzusehen und sich Hilfe zu holen.

Wege aus der Wut

Ich arbeite mit Frauen*, die diesen Kreislauf durchbrechen wollen. Die sich nicht mehr als Versagerinnen fühlen möchten, weil sie ihre Wut auf eigene Faust nicht „in den Griff bekommen“. Die sich für ihre Kinder einen anderen Alltag wünschen, ohne die Angst vor der Wut im Nacken. Und die zuletzt ihren Kindern vorleben möchten, wie Wut eine immens mächtige Helferin im Leben sein kann.

In meiner Arbeit mit meinen Klientinnen schaue ich insbesondere an:

  • Wofür ihre Wut steht
  • In welchen Situationen sie auftritt
  • Was ihre Erfahrungen mit Wut in der eigenen Kindheit waren
  • Was es braucht, damit die Wut gehört wird und sich auflösen kann

Kein Einzelfall

Ich erlebe in meiner Arbeit häufig, dass Frauen* meinen, sie seien allein mit diesem „Wutproblem“. Das liegt daran, dass es sich hier um ein immenses Tabuthema handelt, dass mit existenziell grosser Scham verknüpft ist. Insbesondere bei den Müttern*, die sich bewusst sind, dass nicht ihre Kinder schuld und verantwortlich für die elterliche Wut sind.

Aus dem Tabu heraus gibt es kaum (hilfreiche) Literatur und Fachleute, die sich damit beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Arbeit mit der eigenen Wut schmerzhaft ist bevor die Wut zu einer grossen Befreiung wird. Es ist immer empfehlenswert, diesen Prozess nicht alleine durchlaufen zu wollen.

In meiner Arbeit habe ich schon sehr viele Frauen* begleiten dürfen, ihre Wut zu ihrer Freundin zu machen und damit ihren Kindern die Mutter zu sein, die sie sich wünschen zu sein.

Melde Dich gerne ganz unverbindlich bei mir per Mail, wenn Du auch ausbrechen möchtest aus dem Kreislauf von Wut und Scham.

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