Die zweckerfüllende Idee der Mutterliebe

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Ich bin nun schon ein paar Jahre Elternteil und habe mich von vielen Idealen, mit denen ich in meine Mutterschaft gestartet bin, zum Glück verabschieden dürfen. Zum Glück nicht nur deshalb, weil sie irreleitend waren, sondern auch, weil da noch genügend unrealistische und nicht hilfreiche Überzeugungen und Glaubenssätze zum Thema Elternsein sind, über die ich im Alltag immer wieder stolpere.

Grade meine Arbeit mit insbesondere Müttern führt mir regelmässig vor Augen, dass dieser Kampf, dieses Hadern mit internalisierten Überzeugungen, wie eins als Mutter zu sein hat, kein individuelles Problem ist. Nachdem ich mich die letzten Monate nochmals intensiv mit dem Patriarchat, der Misogynie und intersektionaler Diskriminierung auseinander gesetzt habe, ist die Vermutung der Klarheit gewichen, dass Mädchen (auch heute noch!) diese destruktiven Ideale als richtig und erstrebenswert gelehrt bekommen.

Ein Spitzenreiter davon ist das Verdrängen und Ignorieren der eigenen Bedürfnisse: Mädchen* lernen schon ganz früh, dass Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft weibliche Attribute sind. Dass sie „gute Mädchen*“ sind, wenn sie die Anliegen anderer über ihre eigenen Stellen. Die Lernerfahrung erfolgt im Alltag dadurch, dass Mädchen für ein solches Verhalten gelobt werden und Aufmerksamkeit erhalten. Während sie für „eigennütziges“ Verhalten in stärkerem Mass getadelt oder mit Liebesentzug abgestraft werden, als dass ihre Brüder das erleben müssen.
Verstärkt wird dieses stereotype Rollenbild dadurch, dass weiblich gelesene Vorbilder in den Medien (Bücher, Magazine, Filme, Spielsachen, Serien) auch heute noch diese Werte als für Mädchen richtig vermitteln.

Jetzt kann eins richtigerweise ins Feld führen: „Aber was bitte ist denn falsch an Hilfsbereitschaft?“ Nichts. Das Problem ist nicht, dass Menschen hilfsbereit sein als etwas Gutes und Richtiges vermittelt bekommen. Sondern; das Problem ist erstens, dass es nur der Hälfte der Menschen, nämlich nur dem Teil, der weiblich gelesen wird, vermittelt wird. Sowie zweitens, dass diese Vorgehensweise einen klaren Zweck erfüllt und zwar den, die patriarchalen Strukturen zu schützen.

Denn das Patriarchat, also die vorherrschende Gesellschaftsstruktur, in welcher Männer* und deren Tun klar höher gewertet und stärker gefördert werden, kann nur dann funktionieren, wenn alles, was eben nicht männlich* ist, abgewertet und klein gehalten wird.

Das Eine bedingt das Andere und baut darauf auf. Denn was würde passieren, wenn Frauen* aufhören würden, selbstlos und ohne Blick auf ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche, eine nicht enden wollende Palette an Berufsgruppen (Erzieherin, Innendekorateurin, Köchin, Pflegerin, Psychologin, Raumpflegerin, Lehrerin usw.) abzudecken, indem sie gut und gerne von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends völlig kostenlos care-arbeiten, indem sie sich um Haus, Kinder und Alte kümmern. Was würde passieren, wenn sie Bedingungen einfordern würden, wie sie für Lohn-arbeitende Menschen in unseren Breitengraden längst selbstverständlich sind? Dinge wie maximale Arbeitsstunden, Pausen, Urlaub, Krankheitstage?
Das System würde in sich zusammenbrechen. Denn all diese Arbeit, die momentan völlig kostenlos und ungesehen von Frauen* geleistet wird, würde liegen bleiben. Man stelle sich das Ausmass des Chaos in unserer Gesellschaft vor.

Mundtot „aus Liebe zum Kind“

Damit das nicht passiert, wurde die überstilisierte Mutterliebe (wohlgemerkt nicht Elternliebe!) erfunden. Ein unantastbarer Leitstern, der allen Frauen* dieser Welt erklärt, dass die ganze Arbeit, die ganze Selbstverdrängung, die Abwertung ihrer täglichen unerhört grossen Leistung richtig ist. Weil „gute Mütter“ das gerne und ohne zu Murren so tun.

Jedes auch nur in Frage stellen dieses völlig absurden und maximal frauenfeindlichen Wertekonstruktes wird mit dem Hinterfragen der Liebe der Mutter zum Kind quittiert. Obwohl das Eine mit dem Anderen rein gar nichts zu tun hat!

Denn das Eine ist die Liebe zum Kind und das andere ist das natürliche Bedürfnis nach Wertschätzung, Gesehenwerden, Anerkennung uvm. Aber durch die Vermischung dieser gänzlich unabhängigen Dinge werden Mütter* mundtot gemacht, bevor sie die vorherrschenden Werte überhaupt laut in Frage gestellt haben. Viel zu gross wäre die Scham darüber, als „schlechte Mutter“ gebrandmarkt zu werden.

Grade frisch gebackene Mütter* suchen das Problem gerne bei sich, indem sie versuchen zu verstehen, warum gerade sie sich so schwer tun mit der neuen Lebensrolle. Ich erlebe häufig, dass gegen Aussen versucht wird, das Bild von Glück und Leichtigkeit möglichst lange zu wahren. Ganz nach dem Motto: „Ich bin eine gute Mutter, denn obwohl es viel Arbeit ist, geht es mir meistens leicht von der Hand“.
Genau diese (verständliche) Angst vor Verurteilung und dieses beharrliche Bild gegen aussen aufrechterhalten, stärkt wiederum das System, weil es den ehrlichen Austausch und die Empörung über die unhaltbaren Zustände des Mutterseins blockiert. Wer jetzt anführt, dass mittlerweile auch in sozialen Medien Frauen* öffentlich über Erschöpfung und Co. sprechen, der darf sich gerne die Kommentarspalten solcher Beiträge und Posts anschauen. Die sind nämlich, nebst mitfühlenden und bestärkenden Kommentaren auch voll von Spott und Gaslighting.

So sehr ich die Entwicklung betreffend der Begleitung von Kindern schätze, die sich mehr und mehr damit auseinandersetzt, dass Kinder ein Anrecht auf Bedürfnisse haben, so sehr stelle ich auch fest, dass diese damit verbundene zusätzliche Arbeit leider nahezu vollumfänglich zu Lasten der Mütter* geht.
Das schliesst nicht nur die tägliche Umsetzung des bedürfnisorientierten Begleitens mit ein, sondern auch das Aneignen des Wissens und die Weiterbildung zu dieser Form der Beziehungsgestaltung zwischen gross und klein, die viele Mütter nicht aus eigener Kindheitserfahrung kennen.
Das ist nur einer der schwerwiegenden Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Fülle an Care-Arbeit in den letzten Jahren immens gestiegen ist, weshalb der Anteil der statistischen Mitarbeit von Vätern* wiederum komplett ausgemerzt wird.(1)

Die patriarchalisch gedachte Mutterrolle ist auch deshalb so lange während, weil der Grossteil der Mütter* ob der Überlastung und Erschöpfung gar nicht in der Lage ist, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die ihren vollgepackten und konsumierenden Alltag übersteigen. Wer jahrelang nicht zur Ruhe kommen darf, kann sich nicht mit grundlegenden Fragen über richtig oder falsch beschäftigen. Dieser Umstand trägt in erheblichem Masse dazu bei, dass die Mühlen der Veränderung kaum vorankommen.

Wir haben es hier mit einem ganz klar strukturellen Problem zu tun, das Top Down in seinen Grundfesten von Politik und MachthaberInnen geändert werden muss. Mit einem „Frauen müssen halt…“ wird perfiderweise nicht nur erneut die ganze (kaum zu stemmende!) Arbeit den Frauen* zugeschoben, sondern auch die Verantwortung für ihre unerträgliche Situation – deren Konsequenzen nicht zuletzt die Kinder zu tragen haben.

Quelle:
(1) „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ Alexandra Zykunov, Ullstein, 2022

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