Ich werde nicht müde es zu betonen: Elternschaft ist mitunter eine echte Herkulesaufgabe. Wir dürfen diesen Fakt für uns einfach als solchen annehmen und darauf vertrauen, dass jeder der etwas anderes behauptet nicht ehrlich ist.
Ich bin in dieser Ansicht sehr klar und sende damit ein bewusstes Gegensignal an diese pastelldurchtränkte, surreale und irreführende Darstellung vom gesellschaftlich nach wie vor vorherrschenden Familienbild, nach welchem Kinder stets gehorchen, Mama und Papa sich permanent über alles lieb und eine unerschöpfliche Reserve an Kraft, Geduld und Fröhlichkeit haben.
Das heisst nicht, dass es nicht wunderwunderschön ist Kinder zu haben. Ich halte es für das Schönste und Bereicherndste der Welt. Aber das macht es in der Konsequenz nicht zwangsläufig leichter.
Grad in den vorherrschenden Pandemiezeiten sind wir noch mehr diesen festgezurrten Situationen ausgeliefert, die für die Elternschaft so typisch sind. Während wir uns nach einem aufreibenden (virtuellen) Job-Meeting ausklinken können, in dem wir sagen: „Buah, jetzt erst mal runter kommen und einen Kaffee / Tee trinken“ ist das in der Begleitung von Kindern nicht möglich. Insbesondere wenn sie noch klein sind, haben wir keine valide Möglichkeit uns eines vorherrschenden Konflikts so einfach zu entledigen.
Da drin festzusitzen,
Dich selbst zu managen,
die aufkommenden, mitunter unheimlich starken Gefühle aushalten zu können,
die Verhaltensmuster, die Dein Gehirn in seiner Not ständig anspringen lassen will, zu regulieren,
dabei vom Kind vielleicht auch angebrüllt zu werden
und trotzdem kompetent zu reagieren ist unfassbar (!) herausfordernd.
Wir alle kennen diese Situationen und wir alle haben auch schon mehrmals kapituliert. Wir alle haben schon die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und uns selbst und vielleicht auch unsere Kinder innerlich dafür in die Wüste schicken wollen.
Das ist in Ordnung! Das darf sein.
Denn wir Erwachsenen werden nicht automatisch zu Superhelden, nur weil wir Eltern geworden sind (!), auch wenn einem genau das mitunter von der Gesellschaft und den Medien suggeriert wird. Das ist schlicht nicht wahr.
Elternschaft ist aber vor allem weil sie so viele Herausforderungen mit sich bringt auch eine ungeheure Chance sich weiterzuentwickeln. Das kostet Mut und Kraft; Dinge die man aufgrund der vielfältigen Anstrengungen sicherlich nicht immer aufbringen kann und will, ABER es lohnt sich in exponentiellem Masse. Kinder haben nämlich mitunter die wunderbare (und das ist durchaus wörtlich gemeint) Eigenschaft unsere Wunden aus der eigenen Kindheit aufzureissen. Und das ist so wichtig und gut. Denn genau dadurch haben diese die Chance zu heilen.
Haben wir den Mut uns dem damit einhergehenden Schmerz zu stellen, eröffnet sich uns die Möglichkeit an immenser Handlungsfähigkeit und innerer Freiheit zu gewinnen. In der Konsequenz steigt unsere Lebensqualität und die unserer Kinder enorm.
Ein äusserst hilfreicher Weg sich grad aus sich wiederholenden Situationen zu befreien, ist, seine Gedanken ehrlich und wertungsfrei zu hinterfragen:
Was denke ich eigentlich in den Situationen tatsächlich?
Was denke ich über mein Kind, über mich, über die Situation?
Was sind das für Gedanken, die mich in dem Moment so unfassbar wütend, traurig, ohnmächtig, verzweifelt sein lassen?
Wenn wir ganz genau hinschauen, ist es nicht die Situation selber, ist es nicht das Kind, das in uns so starke Gefühle hochkommen lässt, die wir, könnten wir wählen, wahrscheinlich lieber nicht hätten: Es sind unsere Gedanken über die Situation, über das Kind, die das mit uns machen. Wir bewerten das Aussen und reagieren innerlich.
Das bedeutet folglich, dass die Frage bei allen (!) Ereignissen, die uns begegnen und die uns in welcher Intensität auch immer bewegen immer ist: Was hat das mit mir zu tun?

Photo by Alexandr Podvalny on Pexels.com
Wenn wir ehrlich zu uns sein können, wenn wir uns trauen, die innere Scham zu überwinden und für uns formulieren können: „Ja, ich habe grad gedacht; mein Kind ist ein verwöhntes Gör, das endlich mal lernen sollte, dass nicht immer alles nach seinem Willen geht!“ dann ist das unerhört wertvoll. Das heisst nicht, dass wir unserem Kind das um die Ohren hauen. Denn tatsächlich hat es mit dem Kind herzlich wenig zu tun. Dafür um so mehr mit uns!
Wir dürfen uns in dem Moment fragen:
Woher kenne ich diesen Gedanken?
Wie alt ist dieser Gedanke?
Ist dieser Gedanke wirklich wahr?
Ist mein Kind wirklich (immer!) so?
Denke ich vielleicht in dieser Form von mir (ich sollte mal endlich lernen, dass nicht alles nach meinem Willen geht)?
Was macht dieser Gedanke mit mir?
Welche Gefühle löst er aus?
Wo spüre ich die Auswirkungen davon, was dieser Gedanke mit mir macht in meinem Körper?
Wir dürfen diesem Schmerz, der in diesem/n Gedanken liegt, nachfühlen. Wir dürfen ihn aufkommen lassen und ihm Raum geben. Denn durch diesen Raum hat er die Möglichkeit zu heilen und wir haben die Möglichkeit einen kleinen Schritt weiter in Richtung uns und in Richtung friedvoller Elternschaft zu gehen.
