Ich setze mich mich ganzem Herzblut dafür ein, dass Kindern eine bedürfnisorientierte, empathische und liebevolle Umgebung geschaffen wird um aufzuwachsen. Da Kinder am Modell lernen, ist das nicht zu letzt in logischer Konsequenz der einfachste Weg dahin, dass es unserer Welt in Zukunft besser gehen wird.
So viel zum Modelldenken. Denn in Tat und Wahrheit sind wir alle Menschen. Wir haben alle irgendwo Lücken und Macken, wo unser Gehirn nicht adäquat und in der Art und Weise wie wir uns das für unsere Kinder wünschen – und wie sie es brauchen würden – reagieren. Gewalt an Kindern ist meiner Meinung nach jedes Handeln unsererseits, welches unser Kind in seiner Integrität, seiner Selbstwirksamkeit und/oder seiner Würde verletzt.
Der erste wichtige Schritt für uns ist folglich diese Mankos überhaupt als solche zu erkennen. Zu sehen, dass es an uns liegt und dass in der herausfordernden, schwierigen Situation mit unserem Kind eine essentiell wichtige Chance liegt, etwas über uns zu lernen. Eine wertungsfreie und liebevolle Sicht auf unser eigenes Sein mit all seinen Unzulänglichkeiten hilft enorm uns vor dem Selbstverurteilen zu bewahren. Eben dieses ist nämlich in keiner Weise hilfreich. Weder für uns, noch für unsere Kinder. Wir können nicht einen liebevollen und zugewandten Alltag mit unseren Kindern inszenieren, wenn wir zeitgleich mit uns selbst hartherzig ins Gericht gehen – obwohl wir jeden Tag so viel leisten und unser Bestes zu geben versuchen. Denn dann bleibt es genau das: Eine Inszenierung; und unsere Kinder lernen von uns, dass Authentizität keinen Wert hat.
Im barmherzigen Blick auf unsere Fehler und Lücken liegt die wunderbare Gelegenheit unsere Fähigkeiten Schritt für Schritt nachreifen zu lassen. Das Allerwichtigste dabei ist, dass wir uns genau so liebevoll begleiten, wie wir das mit unseren Kindern tun (würden): Ohne Druck, ohne Erwartungshaltung, sondern mit dem feinfühligen und bejahenden Blick darauf, was realistisch machbar und in Reichweite ist. Es geht nicht darum, perfekt zu sein und die perfekte Lösung für einen Konflikt zu finden. Es geht einzig und allein um den nächsten, kleinen Schritt in Richtung friedvoll, liebevoll, zugewandt und empathisch. Selbst wenn – und das ist fundamental wichtig! – dieser Schritt eben weit entfernt ist von dem Bild, welches in unserem Kopf von friedvoll, liebevoll, zugewandt und empathisch vorherrscht. Nur so ist nachhaltiger Fortschritt überhaupt möglich.
Denn wir können uns nicht mit Gewalt dazu bringen, unseren Kindern eine annähernd gewaltfreie Kindheit zu ermöglichen. Liebevoll beginnt bei uns selbst.
Weil wir eben alle Menschen sind, weil wir eben alle Fehler machen und weil wir selber häufig in unserer Kindheit mit Gewalt konfrontiert waren, ist die „Gewaltfreie Kindheit“ tatsächlich nicht mehr als einer erstrebenswerter Mythos, eine Utopie. Sie ist der Nordstern am Firmament, der uns die Richtung weist. Wir können und sollten – immer mit Rücksicht auf unsere grade vorliegenden Möglichkeiten – uns nach ihm ausstrecken, behutsam versuchen ihm möglichst nahe zu kommen. Erreichen werden wir ihn allerdings nie.

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Lasst uns deshalb einen Moment zurücklehnen, uns entspannen und uns nicht mehr Energie absaugen lassen vom Gedanken wir müssten doch eigentlich schon längst viel näher am Idealbild sein. Stattdessen können wir uns in Ruhe darauf fokussieren, wo wir wirklich stehen und wie wir uns von da aus in ganz kleinen und achtsamen Schritten weiterentwickeln möchten und können.
