Der Sprung ins kalte Wasser

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Je länger ich mich damit auseinandersetze, dass ich meine Kinder bedürfnisorientiert begleiten und nicht erziehen möchte, desto mehr setze ich mich zwangsläufig mit grundlegenden Themen im Elternalltag auseinander. Zwangsläufig deshalb, weil ich nicht im Widerspruch mit mir selber stehen kann und will. Wenn ich sage, Eltern üben Gewalt aus, wenn sie ihre Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit, ihrer Integrität und ihrer Würde verletzen, dann muss ich auch die Bereiche im Alltag in Betracht ziehen, die mir vielleicht bislang als unantastbar erschienen.

Für mich war lange Zeit die Ernährung genau so ein Bereich. Ich habe bei meinen Kindern (Jahrgang 2017 & 2018) sehr darauf geachtet, dass möglichst alles gesund, ausgewogen, reichhaltig und frisch war. Ich habe sehr lange (und sehr gerne) gestillt und stillen können, alle Babybreie selber hergestellt und auch immer dafür gesorgt, dass ich als Gerne-Gesund-Esser ein Beispiel bin.

Denn Kinder lernen am Beispiel. Davon bin ich auch heute überzeugt. Aber eben nicht nur. Sie müssen auch ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen, um am eigenen Leib spüren zu können, welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Konsequenzen wohlgemerkt im ursprünglichen Sinn, nämlich als natürliche, unbeeinflusste Folge des Tuns.

Aus heutiger Sicht sehe ich meine Einstellung von damals insofern kritisch, als dass ich mit meinem Essverhalten eine Wirkung erzeugen wollte. Ich habe nicht nur gesund gegessen, weil ich das mag und es mir gut tut, sondern weil ich meine Kinder dazu bewegen wollte, es mir gleich zu tun. Problematisch dabei ist erstens, das versteckte Manipulieren. Ein solches Verhalten – ungeachtet wie gut es auch gemeint sein mag – bringt trotzdem den Hauch von Hinterlist mit sich. Zweitens ist es aber auch als schwierig zu erachten, dass ich ihnen in dem Moment nicht zugestehen wollte, dass sie sich und die Vielfalt des Essens ausprobieren.
Ich habe Nahrungsmittel innerlich in Kategorien aufgeteilt, nach gut und schlecht bis ganz schlecht bewertet und damit zeitgleich, wenn auch nicht explizit so formuliert, das Verhalten meiner Kinder bewertet. Essen sie Gurken, ist das gut. Essen sie Schokolade, ist das schlecht. Kinder sind nicht blöd, sie merken wenn wir urteilen, auch wenn sie sich nicht immer danach richten wollen und können.

Hinter meinem Verhalten steckte meine Angst, wenn meine Kinder Schokolade erst einmal zu geniessen anfangen, wollen sie nichts anderes mehr essen. Dann werden sie krank und dick und unglücklich. Wer sich differenziert mit den eigenen Glaubenssätzen auseinander gesetzt hat, der weiss, dass diese in aufgeschriebener Form meist nicht nur unwahr, sondern deutlich übertrieben sind. Es lohnt sich unbedingt, sie in aller Gründlichkeit zu hinterfragen, um das eigene Verhalten zu verstehen.

Wenn mein Mann oder ich Schokolade essen, habe ich diese Angst nicht.

Ich weiss, dass ich nicht krank, dick und unglücklich werde, wenn ich (auch) Süssigkeiten esse. Dafür mache ich es schon viel zu lange, als dass sich diese Konsequenzen nicht gezeigt hätten. In dem Moment als mir klar wurde, dass ich meinen Kindern die Entscheidungsfreiheit, ob sie Süssigkeiten essen oder nicht, nur anhand ihres Alters abspreche, musste ich den nächsten Schritt machen.

Je nachdem wie Du dem Thema Ernährung bei Kindern gegenüber eingestellt bist, kannst Du besser oder schlechter nachvollziehen, wie schwer mir dieser Schritt fiel. Es war ein Augen zu und durch in der ersten Zeit. Konkret habe ich genau gleich weiter das Essen zubereitet und angeboten, aber ich habe bewusst nicht bewertet, wenn sie etwas Süsses haben wollten und es ihnen auch genau so gegeben (auch mehrmals). Zudem habe ich nur noch für mich gesund gegessen, also ohne den inneren Willen, meine Kinder mögen meinem Beispiel folgen.

Das ist jetzt ein gutes Dreivierteljahr her. Eine genug lange Zeit um festzustellen, dass absolut gar nichts passiert ist. Meine Kinder essen nach wie vor alles oder eben das, was sie davor schon gegessen haben. Mit den üblichen Schwankungen in der Auswahl aber nicht in der Vielfalt. Sie sind sehr gesund, sehr aktiv und sehr fröhlich. Beide sind absolut normalgewichtig.

Ich habe deutlich wahrnehmen können, wie kompetent meine Kinder mit Süssigkeiten umgehen. Es hat sich in keiner Weise bewahrheitet, dass sie mit Aufhebung der Reglementierung meinerseits nur noch Schokolade und Co. essen möchten. Nicht selten lassen sie die Süsswaren sogar stehen.

Für mich hat sich verändert, dass ich nicht mehr versuchen muss, einen Bereich im Leben meiner Kinder zu managen, auf den ich sowieso langfristig nur begrenzt Einfluss habe und der, wie ich jetzt mit Sicherheit weiss, auch nicht gemanaged werden muss. Würde sich die Situation einstellen, dass ein Kind den Halt verliert und nicht gut für sich sorgen kann, bin ich da. Es geht für mich darum, meinen Kindern ihre Kompetenz in Bezug auf was ihnen selbst gut tut, nicht einfach aufgrund ihres Alters abzusprechen. Kinder, die von klein auf lernen, dass sie per Grundsatz für sich selbst entscheiden können, verlernen auch nicht ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse für sich zu formulieren. Das gilt in meinen Augen ganz generell und eben auch in Bezug auf was sie essen möchten.

Fussnoten:
Ein wunderbarer Beitrag von SRF zum Thema Adultismus im Alltag von Kindern.

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