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Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich mich mit dem Nachvollziehen wieso Loben und Belohnen so problematisch ist, lange schwer getan habe. Beide Worte lassen in mir positive Assoziationen anklingen, sie fühlen sich gut an und werden in der Gesellschaft auch als gut dargestellt. Loben ist wohlwollend, liebend und anerkennend. Belohnen ist fürsorglich und spornt den Ehrgeiz an. So scheint es zumindest. Man muss also schon genauer hinsehen, um zu verstehen, warum wir unseren Kindern keinen Gefallen machen, wenn wir sie loben und belohnen.
Das Problem liegt einerseits in der Agenda, die wir dabei verfolgen: Denn wir bezwecken etwas damit. Wir wollen das Kind zu etwas bewegen. Wir manipulieren es mit dem Hintergedanken, dass es „mehr“ leisten soll, weil wir davon ausgehen, dass es das von sich aus nicht tun würde. Wenn Du Dich schon etwas mit meiner Arbeit auseinandergesetzt hast, erkennst Du hier sofort die negative Grundhaltung dem Kind gegenüber: Das Kind ist per Grundsatz (zu) faul und muss mit Tricks zum gewünschten Ergebnis manövriert werden. Von alleine würde das Kind die Leistung nicht erbringen.
Klingt da etwas bei Dir an? Dann kann ich Dir versichern, Du bist nicht alleine mit dieser oft unbewussten Einstellung dazu, wie Kinder sind. Das ist, wie unsere Gesellschaft Kinder sieht und auch behandelt. Und sie hat vielfach recht. Aber nicht, weil Kinder so sind, sondern weil wir Kinder dazu erziehen so zu sein.
Wenn wir Loben und Belohnen führen wir das Kind weg vom Gefühl für sich und hin zur Suche nach äusserer Anerkennung. Wir nehmen ihm damit die natürliche Basis weg, bei sich selbst zu bleiben, zu erkennen, was es wann und wie leisten kann und konditionieren es darauf, Dinge zu tun, weil sie von aussen als gut bewertet werden.
Kinder haben von Natur aus eine starke intrinsische Motivation. Das bedeutet nichts anderes als ein innerer Antrieb neue Dinge zu erlernen, auszuprobieren und für sich selbst im Anschluss auch einzusortieren. Dieses Einsortieren ist unheimlich wichtig, um die eigenen Grenzen feststecken zu können und um sich selber kennen zu lernen.
Wenn wir loben und / oder Belohnungen in Aussicht stellen, führen wir Kinder von dieser natürlichen intrinsischen Motivation weg hin zur extrinsischen – also von aussen gesteuerten – Motivation hin. Kinder tun dann Dinge, um uns zu gefallen und um unsere Erwartungen zu erfüllen. Hmm, denkst Du jetzt vielleicht, das ist doch eigentlich gar nicht so schlecht für mich? So habe ich ein folgsames Kind.
Der Punkt, weshalb das für alle Eltern – unabhängig ihrer Einstellung dazu wie man Kinder begleiten sollte – nicht erstrebenswert sein kann, ist, dass das Kartenhaus in sich zusammen fällt, wenn der extrinische Motivator – Du oder die Belohnung – aus der Situation entfernt wird. Sprich, Dein Kind wird aufhören, das zu tun, was Dir so gefällt, sobald es merkt, dass Du es nicht mehr siehst und es dafür kein Lob mehr erhält.
Hinzu kommt, dass diese extrinische Motivation einen Mangel erzeugt: Das Kind will immer mehr davon, um sich gut zu fühlen.
Bei der intrinischen Motivation ist das nicht der Fall. Diese ist zu 100% selbstwirksam und schafft ein tiefes Gefühl der Befriedigung, weil das Kind in seinem Selbst bleiben durfte.
Schlussendlich ist es sogar so, dass das Kind mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht nur aufhört, das zu tun, was Du von ihm möchtest, sobald Du weg bist. Es wird vermutlich sogar das Gegenteil tun. Nicht weil es böse oder faul ist, sondern weil Du es mit Deinem Handeln und Deinen Worten dazu animiert hast, etwas zu tun, wofür es gar nicht bereit war und es sich deshalb mindestens für die Zeit des Dir gefallen wollens selbst nicht spüren durfte. Um wieder ins eigene Lot zu kommen, muss es in aller Regel eine Gegenbewegung ausführen.
Egal was unsere Motivation ist, unser Kind für irgendein Verhalten zu loben oder zu belohnen, wir müssen uns bewusst werden, dass wir nicht nur Schaden anrichten, sondern dass wir auch das Gegenteil von dem erreichen, was wir tatsächlich möchten.
Von den Ratten zu den Kindern?
Loben und Belohnen sind Manipulationsstrategien, die dem Behaviourismus entspringen. Wenn Du diesen Begriff nicht einsortieren kannst, dann denke an die Bilder von Laborratten, die mit unterschiedlichen Verstärkern in Form von Leckerli oder Stromschlägen auf ein bestimmtes Verhalten konditioniert werden. Mal abgesehen davon, dass das auch für die Laborratten eine Qual ist, denke ich nicht, dass das eine Umgangsweise ist, die für unsere Kinder in Frage kommen sollte.
Aber was ist denn nun, wenn ich mich einfach so freue, dass mein Kind zum Beispiel etwas Neues kann oder etwas in meinen Augen Tolles geleistet hat? Darf ich mich denn nun gar nicht mehr darüber freuen?
Doch. Unbedingt. Und zwar von ganzem Herzen. Aber nicht die Leistung sollte Dein Herz hier höher springen lassen, sondern der Fakt, dass Dein Kind sich darüber freut und / oder für sich etwas Neues gelernt hat. Wenn Dir das im ersten Moment zu abstrakt vorkommt, lass mich Dir ein Beispiel geben:
Mein Kind kommt stolz mit einer neuen Zeichnung angerannt und sagt: „Schau mal, Mama, was ich gezeichnet habe!“ Jetzt kann ich auf die Zeichnung eingehen, in dem ich sage: „Wow, das hast Du toll gemacht! Wie gut Du schon malen kannst!“ Damit gehe ich vollumfänglich auf die Leistung des Kindes ein. Ich belohne mit Worten das Verhalten meines Kindes, durch welches diese Zeichnung entstanden ist. Gehen wir kurz zurück zu den Laborratten: Das ist der Moment, in dem sie mit einem Stück Käse belohnt werden für gewünschtes Verhalten.
Was passiert jetzt bei meinem Kind: Es merkt, dass es Mama froh stimmt, dass sie das gut findet, wenn es mit dieser Leistung „Zeichnung machen“ bei Mama ankommt. Es kommt also weg von der Freude darüber, dass es diese Zeichnung gestaltet hat, hin zum „Damit kann ich Mama glücklich machen“. Und genau das ist das Problem. Es wird langfristig wahrscheinlich weitere Zeichnungen nicht mehr nur deshalb gestalten, weil es dabei eine innere Freude empfindet, sondern immer mehr deshalb, weil es „Mama glücklich machen will“. Wenn aber Mama nicht da ist, dann ist da plötzlich auch keine Motivation mehr zu zeichnen. Das innere Feuer, die innere Freude, die da ursprünglich mal war, ist von meiner – wenn auch unbewussten – Konditionierung meines Kindes vollständig verdrängt worden.

Was kann ich denn nun stattdessen sagen, wenn ich bei mir selbst merke, dass das Lob in solchen Situationen immer zuvorderst auf der Zunge liegt. Beschreiben ist eine gute Variante und zwar nicht nur was auf der Zeichnung ist, sondern auch was ich am Kind feststelle.
Beispiele wären hier: „Magst Du mir erzählen, was Du gemalt hast?“ oder „Ich freue mich zu sehen, dass Zeichnen Dir so viel Spass bereitet.“
Was das Kind nämlich ursprünglich möchte, ist nicht ein Lob abholen, sondern mit uns Eltern in Beziehung zu gehen und über diese Zeichnung Kontakt aufbauen. Grad in Bezug auf Malen / Zeichnen verweise ich an dieser Stelle gerne auch auf das Buch von Arno Stern „Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll„.
In fast allen Gesprächen mit Eltern stelle ich fest, dass sie sich – genau wie ich anfänglich – schwer tun, dieses Loben und Belohnen im Alltag sein zu lassen und mit empathischeren und sinnvolleren Rückmeldungen zu ersetzen. Selbst wenn sie es in der Theorie verstanden haben, was sie da eigentlich tun. Was mir deshalb am Anfang sehr geholfen hat, ist für mich das Wort „Loben“ mit „Bewerten“ gleichzusetzen. Das beschreibt viel klarer, was wir eigentlich tun.
