Kinder können Eltern zur Verzweiflung treiben, wenn sie gefühlt jede Vorgabe und Entscheidung hinterfragen. Aus ihrer Sicht ist das durchaus nachvollziehbar, sind sie durch das logische Machtgefälle Eltern-Kind zwangsläufig in solchen Momenten in ihrem Recht auf Selbstbestimmung und -wirksamkeit beschnitten. Aber ich kenne auch das innerliche Augenrollen, das Genervt-sein, wenn das Kind meine Einschätzung hinterfragt und im besten Fall eine kleine Rebellion startet, obwohl meine Denke für mich doch so absolut logisch ist.
Bei mir persönlich steckt da meistens die Ungeduld dahinter gekoppelt mit dem Wunsch diese vermeintlich auswegslose Situation „Nein, Du kannst den Rock nicht unter der Hose anziehen“ oder „Nein, ich kann nicht den halben Hausstand an Spielsachen mit in den Urlaub nehmen“ abzukürzen. Weil ich ja eh weiss, dass ich recht habe. Oder?
Es gibt nicht wenige Eltern, die der Meinung sind, dass Kinder die Einschätzungen, Entscheidungen und Vorgaben der Eltern zu akzeptieren hätten. Ohne sie zu hinterfragen und einfach nur weil sie die Eltern sind. Also egal, ob die Kinder die Entscheidung nachvollziehen können und ob sie Sinn ergibt. Dahinter steckt meines Erachtens vielfach die Angst, dass Kinder, die zu viele Fragen stellen, zu kleinen Tyrannen werden, die sich nicht in der Gesellschaft einordnen können und dass bald überall Anarchie herrscht, wenn hier nicht Einhalt geboten wird.
Das ist nichts anderes als blinder Gehorsam, der hier abverlangt wird. Damit werden kleine Zinnsoldaten gross gezogen, die kein Gespür für sich und ihre eigenen Werte haben. Wer nie gelernt hat, Dinge in Frage zu stellen, der hat auch keine eigenen Antworten.
Interessanterweise möchten aber die meisten Eltern, dass ihre Kinder später zu selbständig denkenden, verantwortungsvollen Erwachsenen mit Rückgrat werden. Aber bitte nur im Umgang mit andern.
Die langfristige Zielsetzung kann nicht erfolgsgekrönt sein, wenn wir unseren Kindern in ihrer Entwicklung absprechen, kritisch zu sein und selbst verstehen zu wollen, warum etwas ist wie es ist und warum wir entscheiden, wie wir entscheiden. Wie soll ein 20-Jähriger wissen wie das geht, sich selbst zu behaupten und für seine Meinung einzustehen, wenn er gar nie eine haben durfte?

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Es ist essentiell, dass wir hier die vermeintlichen Umwege gehen und unseren Kindern die Chance bieten, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das heisst nicht, dass wir nicht auch einmal entgegen dieser Meinung entscheiden dürfen und müssen. Aber wir können erklären, warum wir es tun und wir können verstehen, warum das für das Kind grad doof ist und es in diesem doofen Gefühl begleiten.
Hinzu kommt, dass dieses dadurch entstehende Innehalten auch für uns Erwachsene eine Chance bietet unsere eigenen Aussagen, Entscheidungen und Meinungen zu überprüfen. Es ist mir schon diverse Male passiert, dass ich in genau jenem Moment plötzlich dachte: „Ja wieso eigentlich?“ und meine Meinung anpassen musste und vor allem auch wollte. Das sind die Bereicherungen, die wir im Zusammenleben mit unseren Kindern erfahren dürfen. Genau in diesen Situationen lernen wir ungemein viel über die Welt, über uns und über unsere vermeintlich logischen Überzeugungen.
