Mein Mann und ich verbringen sicher überdurchschnittlich viel und gerne Zeit miteinander und als Familie. Da ist es schon eigentlich Bedingung, dass wir gut miteinander reden können und uns versuchen richtig zu verstehen.
Ich formuliere diese Aussage deshalb verhalten, weil darin tatsächlich meiner Erfahrung nach des Pudels Kern liegt. Und den zu erkennen, war gar nicht so einfach.
Man lebt als Familie auf verschiedenen Ebenen. Da gibt es die offensichtliche Eltern-Ebene, welche die Beziehung Elternteil-Kind erfasst. Dann die Partner-Ebene, welche grad mit kleinen Kindern gerne zu kurz kommt, weil müde, erschöpft, gestresst (you name it…) und dann gibt es noch die Ich-Ebene, die zumindest mit Säugling eigentlich fürs erste komplett ausgeschaltet ist. (1) Solltest Du einen Säugling daheim haben, dann hier die frohe Botschaft: Das bleibt nicht so. Das wird schon in absehbarer Frist viel einfacher werden.
Entgegen der gesellschaftlich vorherrschenden Überzeugung halten mein Mann und ich Streit für etwas ungemein Wichtiges und Richtiges, grad in der Familie! Wir tragen unsere Konflikte aus diesem Grund auch immer aus. Das hat enorm wichtige Vorteile, die ich nachfolgend aufführen möchte:
- Konflikte, die unter den Teppich gekehrt werden, sind nicht weg. Sie bleiben erst recht, auch wenn wir nicht mehr aktiv darüber nachdenken. Grad weil der Knoten nicht gelöst wurde, meldet unser Gehirn uns immer wieder „da war noch was“, spätestens wenn der nächste Konflikt auftaucht. Dann reagieren wir häufig viel zu heftig, gemessen am vorliegenden Konflikt. Einfach, weil wir den alten gleich auch „mit-lösen“ möchten.
- Gelöste Konflikte schaffen Verbundenheit. Nichts bringt einen näher zum Partner, als wenn man sich verstanden fühlt und umgekehrt das Gefühl hat, man versteht seinen Partner.
- Konflikte schaffen eine Auseinandersetzung. Viele Paare, grad Eltern, scheuen den Konflikt und verpassen so über die lange Zeit, sich aktiv mit ihrem Partner und dessen Standpunkten auseinander zu setzen. In der Konfliktsituation haben wir die Chance andere und neue Seiten und Ansichten unseres Partners kennen zu lernen. Das ist nicht nur spannend, sondern hält die Beziehung stets frisch.
- Sich auf Konflikte einzulassen, ist ein Zeichen der Wertschätzung. Wenn ich den Konflikten mit meinem Partner immer ausweiche (vielleicht aus der Angst heraus, es könnte etwas kaputt gehen oder die Beziehung könnte darunter leiden), dann lehne ich auch meinen Partner ab. Ein Konflikt entsteht in aller Regel aufgrund von unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen, die beim Gegenüber zu wenig Gehör finden. Es ist eine essentielle Form der Wertschätzung sich Zeit zu nehmen, diese Bedürfnisse anzuhören, sie ernst zu nehmen und gemeinsam zu schauen, dass man eine Lösung finden kann. Das geht nicht immer von heute auf morgen. Aber schon das wirklich Wollen ist eine Form der Liebeserklärung.
Mein Mann und ich haben zum Beispiel festgestellt, dass wir gerne auch sogenannte Stellvertreter-Konflikte führen. Das heisst, man streitet sich vordergründig wegen einer Nichtigkeit, aber eigentlich geht es um ein viel tiefergehendes Thema. Im Laufe der Zeit haben wir erkannt, dass wir uns (und da kommt auch die Ich-Ebene ins Spiel) vom andern nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen in unserem täglichen Tun.
Wir haben uns in der Folge dafür entschieden, unsere Wertschätzung noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen. Grad auch in Konfliktsituationen, wenn die Gemüter hochkochen, inne zu halten und explizit zu formulieren: Ich finde Dein Verhalten grad total doof, aber ich liebe Dich und ich schätze ehrlich wert, wie viel Du für mich und unsere Familie tust.

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Für eine Streitsituation hört sich das im ersten Moment vielleicht etwas pathetisch an. Wichtig ist, dass ihr eure eigenen Sätze findet, die das ausdrücken, was ihr konfliktunabhängig am andern schätzt. Tatsächlich ist es nämlich ein eigentlich total kleiner Aufwand, der bei uns enorm viel verändert hat. Nicht nur, dass wir die Konflikte viel, viel schneller und zielführender gelöst haben, sondern auch im Alltag hat sich unverhofft eine gestärkte Basis eingeschlichen.
Zu wissen, dass der andere sieht was man alles für ihn leistet, kann einen enormen Unterschied machen.
Fussnoten
(1) Dann gibt es noch die Ebenen mit Grosseltern etc., aber die haben in diesem Artikel keine weitere Relevanz.
