Die Sache mit dem Kontext

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Eltern sein ist eine Herkulesaufgabe. Auch wenn mir scheint, als sei dieses Eingeständnis noch immer sehr schambehaftet. In unserer Gesellschaft ist es wichtig, dass die Aussenwirkung stimmt, da passt es nicht zu sagen, dass einem eine Aufgabe eben nicht immer ganz leicht von der Hand geht. 

Mein Mann und ich sind von Herzen gerne Eltern. Das Wohl unserer Familie steht für uns an oberster Stelle. Trotzdem, und manche würden vielleicht sagen gerade deshalb, ringen wir mitunter mit unserer Geduld und unseren Kräften. Als Noch-Nicht-Elternteil hätte ich niemals erwartet zeitweise von so intensiven Gefühlen übermannt zu werden. Ich habe mir meine Mutterschaft als ein Meer von Liebe, Um- und Fürsorge vorgestellt, in welcher ich vor Verständnis und Geduld strotzend meine Kinder durch alle Stürme der Gefühle begleite.

Tatsächlich klappt das vielfach auch richtig gut. Ich bin das Mami, das ich mir selbst immer gewünscht habe. Aber in meiner Naivität, die ich im Übrigen für Nicht-Eltern als völlig normal und auch gesund werte, habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Genauer gesagt ohne mich. Denn was man meiner Meinung nach noch immer viel zu wenig in den Diskurs um Erziehung einbezieht, ist, dass Eltern ihren eigenen Rucksack in die Elternschaft mitbringen. Eltern sind keine unbeschriebenen Blätter, die sich nur anhand von sogenannten “Erziehungsmethoden” entscheiden müssen, wie sie ihre Kinder behandeln. Sie bringen vielleicht eigene, zwiespältige Erfahrungen mit ihren Eltern mit, eigene Gefühle und Bedürfnisse, die möglicherweise nie den Platz bekommen haben, den sie gebraucht hätten. Vielleicht haben sie sich das Leben mit Kindern deutlich weniger zeit- und arbeitsintensiv vorgestellt und sind darüber (unbewusst) verärgert, um nur einige der potentiell herausfordernden Voraussetzungen zu nennen.

Der Punkt ist, dass viele Eltern, die durch Stresssituationen in Not geraten, vielleicht wissen wie sie reagieren möchten, es aber nicht können. In Erziehungsratgebern ist vornehmlich die Rede davon, wie Eltern idealerweise auf diese oder jene Situation reagieren sollen – je nach Wertegrundsatz klaffen die Ratschläge eklatant auseinander. Was aber kaum bis gar keinen Platz findet, ist die Frage warum Eltern nicht selten mit Aggression auf ihr nicht wie gewünscht “funktionierendes” Kind reagieren. Warum Eltern ihr Kind, dass sie doch eigentlich und hoffentlich sehr lieben mit Worten, Schlägen oder Liebesentzug misshandeln. Nicht, weil das Kind etwas wirklich Schlimmes getan hat, sondern weil die Eltern die Nerven verloren haben.

Da sind wir nun beim Kontext angelangt.

Hätte auch ich mir niemals vorstellen können, gemein zu meinen Kindern zu sein, ist mir eben das schon mehrfach passiert. Ich habe meine Tochter angeschrien, ihr verletzende und absolut ungerechtfertigte Worte an den Kopf geworfen. Ich habe das nicht getan, weil ich darin einen pädagogischen Wert sah. Auch nicht, weil meine Tochter eine solche Behandlung „verdient“ hätte: Kein Verhalten rechtfertigt meines Erachtens Gewalt. Der Grund für mein Verhalten lag in mir. Ich war totmüde, hatte Rückenschmerzen, vermisste schmerzlich Momente der Selbstbestimmung. In mir brannte in diesen Momenten der verdrängte Glaubenssatz, dass es niemanden interessiert wie es mir geht. Meine Tochter mit ihren völlig natürlichen Bedürfnissen hat diesen Glaubenssatz regelmässig getriggert. So sehr ich auch bemüht war, mein Verhalten in eskalierenden Situationen anzupassen, so schmerzlich bin ich immer wieder gescheitert.

Ich habe verzweifelt in Büchern, Blogs und Gesprächen nach Hilfe gesucht. Einerseits habe ich festgestellt, dass es erschreckend wenig Literatur zum Thema „Elterliche Aggression“ gibt. Zweitens begegneten mir fast ausschliesslich verniedlichende Begrifflichkeiten für elterliches Verhalten, dass aber im Endeffekt nichts anderes als pure Gewalt ist. So wird z.B. anbrüllen und schreien zu „schimpfen“ oder „motzen“, Schläge werden zum “Klaps”. Aber damit nicht genug, auch wurde ich immer wieder mit der Verharmlosung entsprechender “Praktiken” konfrontiert. „Das geht doch allen Eltern so“, „das härtet Kinder fürs Leben ab“, „Mach Dich nicht verrückt, Eltern müssen nicht perfekt sein“.

Letzteres unterschreibe ich zu 100%. Aber rechtfertigt das Gewalt gegenüber Kindern? Ganz klar nein. Gewalt ist alles, was Eltern ihren Kindern antun, bei dem diese in ihrer Integrität, ihrem Selbstwert und/oder ihrer Würde verletzt werden. Wir müssen uns deshalb unbedingt von der Vorstellung verabschieden, dass Kinder, die nicht geschlagen werden, automatisch keine Opfer von Elterlicher Gewalt sind. Gerne verweise ich an dieser Stelle auf meinen dedizierten Artikel zur Definition, was meines Erachtens unter Gewalt an Kindern fällt.

Deshalb ist es meiner Meinung nach nicht entscheidend, dass Eltern sich versuchen einzuprägen, wie sie auf welche (Not-)Situationen reagieren möchten. Entscheidend ist, dass Eltern sich fragen, was mit ihnen in diesen Momenten passiert. Welche Gefühle kommen hoch, woher kommen sie und was liegt ihnen zu Grunde?

Wissen wir, warum wir wie handeln, können wir uns mit dem zugrunde liegenden Bedürfnis beschäftigen und im Aussen kontextunabhängig unseren Kindern gegenüber fair sein. Das heisst nicht, dass wir nicht auch mal genervt oder gar wütend sein können/dürfen. Aber grade weil der Kontext eben entscheidend ist, weil wir eben nicht immer völlig in uns ruhend sind, ist es wichtig zu verstehen was in uns vorgeht, damit wir unseren Kindern nachvollziehbar und mit Respekt begegnen können.

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