Erwachsen ist altersunabhängig

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Was bedeutet Erwachsen sein? Als Kind ging ich selbstverständlich davon aus, dass alle Erwachsenen naturgemäss wissen, was sie warum wie tun.

Heute bin ich selbst erwachsen und erlebe viele zwar altersbedingt Erwachsene, die sich aber in ihrem Verhalten und ihrem Umgang mit sich und ihrem Umfeld nicht erwachsen zeigen.

Erwachsen sein bedeutet für mich, sein Leben verantwortungsvoll & bewusst zu gestalten. Auch längerfristige Konsequenzen der eigenen Entscheidungen einzukalkulieren & ein Gespür dafür zu haben, welche Folgen das eigene Handeln für seine Nächsten hat und haben kann.

Mein Eindruck ist, dass mit diesem Umstand des, nennen wir es „Nicht-Erwachsenseins“ nicht selten ein grosser Leidensdruck verbunden ist. Das Problem ist, dass das Fremdbild über die Jahre sich immer mehr vom Selbstbild verabschiedet hat. Von aussen wird man sodann nicht mehr als Kind wahrgenommen, aber innerlich fühlt man sich dieser Rolle nicht gewachsen.

Die meisten die ich kenne, wollen sich verantwortungsvoll und bewusst verhalten, aber sie können nicht aus ihrer Haut. Der Sachverhalt wird noch erheblich verkompliziert, wenn Nicht-Erwachsene selbst Kinder bekommen, die naturgemäss vollumfänglich von ihren Eltern und deren Kompetenz abhängig sind. Das hat mitunter schwierige Konsequenzen zur Folge.

Ich sehe in der Aufgabe der Elternschaft eine der grössten Verantwortungen in unserer Gesellschaft. Unsere Kinder sind die Erwachsenengeneration von morgen. Die Prägungen, Wertvorstellungen und Konzepte von Beziehungen, die wir ihnen mit auf den Weg geben, sind die, nach welchen sie später agieren und ihr Leben und ihre Umwelt gestalten werden. Damit einher geht, dass unsere Verantwortung als Eltern nicht weniger ist, als dass die Welt durch unser Verhalten unseren Kindern gegenüber ein kleines bisschen besser werden kann. 

Trotzdem findet diese Aufgabe in den Köpfen vieler ein viel zu kleines Gewicht. 

Meines Erachtens liegt dies an zwei wesentlichen Punkten: 

1. Wir sind (heutzutage auch durch die Sozialen Netzwerke) auf unmittelbare Belohnungen konditioniert: Ich habe etwas geschafft und / oder erledigt; ich will dafür Aufmerksamkeit und / oder Lob.
Dies steht in krassem Gegensatz zur Arbeit, welche im Rahmen der Elternschaft anfällt. Denn diese findet zu einem ganz grossen Teil hinter verschlossenen Türen statt: Du hast deinen kleinen Sohn heute schon zum 3. Mal auf dem Küchenboden liebevoll durch seinen „Trotzanfall“ begleitet? Da kommt keiner und gratuliert Dir. Trotzdem ist es ein unheimlich wichtiger Erfolg. Für Dich, für ihn, für eure Beziehung und wie eingangs begründet langfristig für die ganze Welt. 

2. Der zweite Punkt ist meines Erachtens dem verklärten Bild geschuldet, welches in unserer Gesellschaft davon herrscht, was es heisst Eltern zu sein. Neu-Eltern sind nach meiner Erfahrung fast ausnahmslos schockiert über den Zeit- und Kraftaufwand, den diese Aufgabe mit sich bringt. So lange die Gesellschaft nicht aufhört, dieses pastelldurchtränkte Bild der Elternschaft zu propagieren, wird die effektive Arbeit, die hinter einer verantwortungsvollen Begleitung von Kindern steckt, auch nicht gebührend anerkannt werden. 

In der Folge ist die Elternschaft eine undankbare Aufgabe, wenn man sie nur aus diesem Blickwinkel betrachtet. Nach dem ersten Hochgefühl „Wow, wir sind jetzt Eltern“ stellt sich mitunter bald die Ernüchterung ein. Hinzu kommt, dass nicht wenige sich mit diesem idealisierten, völlig realitätsfernen Bild der perfekten Familie vergleichen & zwangsläufig mit Enttäuschung und Resignation kämpfen.

Viele von uns sind in einem Familiensystem und -klima aufgewachsen, das mitunter grosse Wunden hinterlassen hat. Nicht vielen ist es vergönnt, dass die dafür Verantwortlichen zu ihrem Handeln Stellung beziehen. Um selbst nicht hinsehen zu müssen, was in der Familie nicht gut gelaufen ist, werden die von den Betroffenen gemachten Erfahrungen von den Verursachern vielfach bagatellisiert. Das führt nicht selten auch dazu, dass die Trauer und der Schmerz bei den Betroffenen verstärkt wird und die Existenz dieser Verletzungen in einem nebulösen Raum zwischen Bewusst- und Unbewusstsein verschwinden und nicht mehr richtig greifbar sind. Damit wird ihnen die Chance auf Heilung verwehrt und die berühmten Trigger, welche einem in der Elternschaft zuhauf begegnen, lassen eben diese Wunden schmerzen.

Aber was heisst denn Erwachsen sein nun im Endeffekt? Wann ist man erwachsen, wenn das Alter keine Bedeutung mehr einnimmt?

Ich glaube, dass wir durch die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, das Hinterfragen der eigenen Überzeugungen und des eigenen Handelns erwachsen werden. Wenn wir aufhören, einfach zu machen, weil man es schon immer so gemacht hat, und den Zwischenschritt einbauen uns nach unseren Motiven für unser Denken und Agieren zu fragen. So lernen wir ungemein viel über uns selbst und befähigen uns verantwortungsvoll und sinnstiftend mit uns und unserem Umfeld umzugehen.

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