Gewalt ist ein sehr umfassender und viel gebrauchter Begriff. Deshalb ist es mir wichtig, einen dedizierten Artikel darüber zu schreiben, was meines Erachtens unter Gewalt an Kindern zu verstehen ist. Ich halte das um so notwendiger, grad weil der gesellschaftliche Diskurs über “wie viel Gewalt ist in der Erziehung akzeptabel bis von Nöten” äusserst hitzig vonstatten geht. Es ist meiner Meinung nach unerhört wichtig, diese Diskussion zu führen. Unabhängig davon, welchen Standpunkt man vertritt. Tatsächlich ist es Fakt, dass Gewalt an Kindern in psychischer und physischer Ausprägung nach wie vor Alltag in vielen Familien ist und das gilt es zu thematisieren.
Auf den Punkt gebracht: In meinen Augen üben Eltern Gewalt an ihren Kindern aus, sobald sie mit Worten und/oder Handlungen die Würde, die Integrität und/oder die Selbstwirksamkeit des Kindes verletzen.
Darunter fällt das Kind zu manipulieren (Stichwort Loben und Strafen) (1), es anzubrüllen (was nicht selten zum verharmlosenden Begriff „Schimpfen“ umformuliert wird), es zu beschämen, es bloss zu stellen, ihm die Liebe & Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn es denn nicht das tut, was die Eltern von ihm möchten (Stichwort Liebesentzug), ihm die eigene Meinung aufzuzwingen in Kombination damit, dass dem Kind das Recht auf eine eigene Meinung abgesprochen wird (Stichwort Gehorsam).
Diese Aufzählung ist nicht abschliessend, soll aber verdeutlichen, dass Gewalt an Kindern weitaus mehr umfasst, als wenn Eltern zuhauen.
Wenn Du Dir diese Punkte durch den Kopf gehen lässt, wirst Du feststellen, wie alltäglich und gesellschaftlich akzeptiert Gewalt an Kindern noch immer ist. Wenn Kinder nicht in das von den Erwachsenen geschaffene System passen, werden sie in aller Regel psychisch drangsaliert. Ich persönlich empfinde es als unhaltbar, dass die psychische Gewalt in vielen Familien so alltäglich ist (was keinesfalls als Verharmlosung physischer Gewalt verstanden werden soll). Sie ist Bestandteil der Normalität und die damit verbundenen Erfahrungen verankern sich so häufig nicht mehr im Erinnerungsvermögen der Betroffenen (2).
Umfangreiche Studien haben gezeigt, dass die Folgen von psychischer & physischer Gewalt in Bezug auf die mentale Gesundheit für die Betroffenen vergleichbar sind.
Haben wir menschheitsgeschichtlich erst grade gelernt, dass es nicht in Ordnung ist, unsere Meinung mit Fäusten kundzutun, dass es so etwas wie eine Menschenwürde gibt und dass diese zumindest in der Gesellschaft hierzulande bitte für alle Geschlechter gelten soll, sind wir zeitgleich meines Erachtens erst grad am Verstehen, dass auch Gewalt an Kindern weder tragbar noch zielführend ist.

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Lass uns zur Verdeutlichung, was ich mit “Gewalt ist Normalität in vielen Familien” meine auf ein Dauerbrennerthema schauen, das alle Eltern in irgendeiner Form kennen, sobald sich der erste Milchzahn zeigt: Das Zähneputzen.
Zähneputzen oder besser die Schwierigkeit “wie kriegen wir es hin, dass unser Kind täglich Zähne putzt” schürt viele Ängste bei Eltern. Aber grad Angst ist im Hinblick auf eine bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern häufig kein idealer Ratgeber. Eine Überprüfung der eigenen Überzeugungen und Gedanken (stimmt das, was ich denke wirklich?) lohnt sich immer, um nicht in ungesunde Muster zu verfallen.
Tatsächlich ist es aber leider gang und gäbe, dass Kinder in vielen Haushalten angebrüllt werden, dass man Zähne putzen muss & wenn alles brüllen nichts hilft, wird in der Überforderung oder leider auch aus der Überzeugung heraus mit körperlicher Gewalt nachgeholfen.
Dieses Vorgehen ist für viele Eltern derart normal, dass sie sich der umfassenden Gewalt dieses wiederkehrenden Moments gar nicht bewusst sind.
Jetzt stell Dir vor, man würde in gleicher Weise mit einer Erwachsenen umgehen. Sie anbrüllen, dass sie zu gehorchen habe, sie festhalten, ihr drohen, ihr einen fremden Gegenstand gegen ihren Willen in den Körper einführen. Und das jeden Tag. Manchmal mehrfach.
Ich gehe davon aus, dass Du das nicht in Ordnung finden würdest; vielleicht (wenn nicht sogar hoffentlich!) entsetzt und entrüstet wärst ob dieser Vorgehensweise.
Das ist meines Erachtens das Irrsinnige an dem, was wir gemeinhin unter Erziehung laufen lassen. Vieles davon wäre im Austausch mit einem Erwachsenen (zurecht) undenkbar, bei Kindern ist es aber vollumfänglich akzeptiert.

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Wie kann das sein? Mangelt es vielen Eltern schlicht an Empathie? Teils würde ich diese Einschätzung sogar abnicken. Ich bin persönlich nicht der Meinung, dass alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen.
Häufig würde ich aber dem Unvermögen vieler Eltern, die eigenen Bedürfnisse und Gedankengänge zu erkennen, die Schuld geben. Wir Eltern bringen immer auch unsere eigene Geschichte mit, wenn wir Kinder bekommen. Viele von uns wurden selbst darauf konditioniert, die eigene Gefühlswelt abzukoppeln. Umso schwieriger ist natürlich dann zur Erkenntnis zu gelangen, welche Gedanken und Überzeugungen uns veranlassen, unseren Kindern Gewalt anzutun. Themen wie Angst, Überforderung, Hilflosigkeit und Prägungen aus der Kindheit liefern den Nährboden dafür, dass wir zu Gewalt greifen.
Die renommierte Psychologin Alice Miller war der Überzeugung, dass viele Eltern die selbst erfahrene Gewalt nicht an ihre Kinder weitergeben, weil sie diese für sinnvoll und richtig halten, sondern um die eigene Auseinandersetzung mit den schmerzlichen Erfahrungen, die einem zu allem Übel nicht von Wildfremden, sondern von den Menschen zugefügt wurden, die man als Kind bedingungslos liebt und von denen man vollumfänglich abhängig ist, zu umgehen und zu vermeiden.
Ich meine, dass jedes Elternteil dieser Welt gut daran tut, wenn nicht eigentlich die Verpflichtung hat, bei sich selbst hinzuschauen und dafür zu sorgen, dass die eigenen Erlebnisse und Traumata mit Gewalt aus der Kindheit nicht an die nächste Generation weitergegeben werden und dass Kindern ihr Recht auf Menschenwürde, Integrität und Selbstwirksamkeit erhalten bleibt.
Fussnoten
1) Manipulieren umfasst z.B. sämtliche Belohnungssysteme und -pläne, behaviouristisches Konditionierungen wie Loben, das explizit darauf abzielt, ein bestimmtes Verhalten des Kindes zu verstärken, aber natürlich auch das andere Ende des Spektrums, wo mit absichtlichem Zufügen von Verletzungen in Form von Aussagen, Isolation etc. das Kind gezwungen wird, sich entgegen seiner Bedürfnisse zu verhalten.
2) Einerseits werden Erinnerungen abgespaltet, um sich selbst zu schützen. Andererseits gewöhnt das Gehirn sich auch an diese Misshandlungen. Dieses Gewöhnen sorgt dafür, dass sich Betroffene nur schwer an einzelne Situationen erinnern können, obwohl sie unter den Folgen der Handlungen sehr leiden.
Wird die ausgeübte Gewalt gegenüber Kindern von den Verantwortlichen negiert, wird das Bewusstsein über die Gewalterfahrungen zusätzlich geschwächt. Dieses Verleugnen ist somit in doppelter Hinsicht brutal. Erstens wegen der Gewalt an sich und zweitens weil sich eine Aufarbeitung der Erfahrungen ohne entsprechendes Bewusstsein sehr schwierig gestaltet. Wichtig zu wissen ist, dass die Gewalterfahrungen trotz fehlendem Bewusstsein im Gehirn und Körper gespeichert sind und deshalb ihre Auswirkungen im Alltag zum Tragen kommen.

Ein Kommentar zu “Was ist Gewalt an Kindern?”